Zwischen Zahlen und Selbstzweifel: Wie Führungskräfte ihr Gehaltsgespräch strategisch führen

Der leise Druck vor dem großen Gespräch
Jan sitztüber den Quartalszahlen, prüft Projektabschlüsse, Budgets und Teamkennzahlen. In wenigen Tagen steht sein Gespräch mit der Geschäftsleitung an – das jährliche Gehalts- und Zielgespräch. Die Bilanz fällt nüchtern betrachtet positiv aus: Projekte termingerecht abgeschlossen,das Budget eingehalten, das Team stabil geführt. Und doch bleibt die Unsicherheit.
\“Ich möchte zeigen, welchen strategischen Beitrag ich geleistet habe, ohne dass das nach bloßem Fordern aussieht\“, sagt der 38-Jährige. Ein Dilemma, das viele Führungskräfte kennen.
Die Angst, zu fordernd zu wirken
Karriere- und Leadership-Coach Jessica Wahlbegegnet dieser Zurückhaltung regelmäßig.\“Viele Führungskräfte zögern, weil sie glauben, Nachverhandlungen über Gehalt oder Bonus wirkten unangemessen oder egoistisch\“, sagt sie. Dabei gehe es weniger um Selbstdarstellung als um Klarheit.
\“Wer den eigenen Impact nicht benennt,überlässt die Bewertung anderen – oft unvollständig\“, so Wahl. Ihre Empfehlung: konkrete Kennzahlen sammeln, Projektergebnisse benennen, Einsparungen oder Effizienzgewinne beziffern und die Argumentation vorabüben.
Warum Leistung nicht nur messbar ist
Doch Zahlen allein erzählen nicht die ganze Geschichte.\“In modernen Organisationen wird Erfolg zunehmend ganzheitlich betrachtet\“, sagt Wahl. Strategische Wirkung, Teamführung und psychologische Sicherheit spielten eine immer größere Rolle – gerade in hybriden oder komplexen Arbeitsstrukturen.
Anerkennung werde dabei häufig indirekt vermittelt. Umso wichtiger sei es, diese\“weichen Faktoren\“bewusst in Gespräche einzubringen.
Wenn das Gehaltsgespräch emotional wird
Auch aus arbeitspsychologischer Sicht sind diese Gespräche heikel.\“Gehaltsgespräche sind emotional aufgeladen\“, erklärt der Arbeitspsychologe Dr. Leonard Krüger.\“Selbstwert, Verantwortung für das Team und soziale Bewertung greifen hier ineinander.\“
Gute Vorbereitung schaffe Abstand zum eigenen Stress und ermögliche es, sachlich zu bleiben.\“Wer seine Leistung klar strukturieren kann, kommuniziert souveräner – und wird auch so wahrgenommen\“, sagt Krüger.
Vom Wunsch nach mehr Geld zum strategischen Dialog
Jan hat daraus Konsequenzen gezogen. Er dokumentiert seine Projekte, bilanziert die Teamleistung und weist Budget- sowie Zeiteinsparungen nach.\“Es geht mir nicht nur ums Geld\“, sagt er.\“Ich will den strategischen Beitrag meines Teams und meinen eigenen klar aufzeigen.\“
Im Gespräch will er deshalb nicht nur über eine mögliche Gehaltserhöhung sprechen, sondern auch über Bonusmodelle, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und zusätzliche Ressourcen für sein Team.
Mehr als eine Zahl auf dem Gehaltszettel
So wird aus dem klassischen Gehaltsgespräch ein strukturierter Austausch über Verantwortung, Leistung und Perspektiven. Wer wie Jan vorbereitet ist, kann Unternehmensziele ebenso berücksichtigen wie die eigenen nächsten Schritte – unabhängig davon, ob am Ende sofort mehr Geld steht.
Denn oft entscheidet nicht die Forderung selbstüber den Ausgang, sondern die Art, wie kommuniziert wird.
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