Wenn Unsicherheit wächst, wird jede Rede zur Führungsprobe

In diesem Umfeld hat sich die Funktion von Reden und Präsentationen verändert. Sie dienen nicht mehr primär der Information, sondern der Orientierung. Wer spricht, wird nicht nur an Inhalten gemessen, sondern an Klarheit, Haltung und innerer Sicherheit.
Führung zeigt sich im Auftritt
Wirtschaftspsychologen weisen darauf hin, dass Menschen in unsicheren Zeiten besonders sensibel auf Kommunikation reagieren. Unklare Aussagen, sprunghafte Argumente oder sichtbar nervöse Auftritte werden schnell als Zeichen mangelnder Führung interpretiert. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach Einordnung: Was bedeutet diese Entscheidung? Wohin führt sie? Was heißt das konkret für mich?
\“Viele Führungskräfte unterschätzen, dass ihre Auftritte heute stärker bewertet werden als früher\“, sagt Jessica Wahl, Präsentations- und Führungscoachin aus Berlin.\“In angespannten Phasen verzeiht ein Publikum weniger. Vorbereitung ist dann keine Kür, sondern Voraussetzung.\“
Warum Improvisation an Wirkung verliert
Studien aus der Kommunikationsforschung zeigen, dass Zuhörer sich vor allem an den Einstieg und das Ende eines Vortrags erinnern. In der Mitte geht vieles verloren – insbesondere dann, wenn Inhalte nicht klar strukturiert sind. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten verschärft sich dieser Effekt: Je komplexer die Lage, desto stärker wird Struktur eingefordert.
Untersuchungen zur Wahrnehmung von Führungskompetenz legen nahe, dass klar vorbereitete Präsentationen mit Souveränität und Entscheidungsstärke assoziiert werden. Wer hingegen sichtbar improvisiert, riskiert, als unsicher oder unentschlossen wahrgenommen zu werden – unabhängig von der fachlichen Qualität.
Mentale Vorbereitung als Führungsinstrument
Neben der inhaltlichen Struktur gewinnt die mentale Vorbereitung an Bedeutung. Dr. Martin Kelmer, Wirtschaftspsychologe und Hochschuldozent, vergleicht zentrale Auftritte mit Hochleistungssituationen:\“Führungskräfte stehen heute unter ähnlichem Druck wie Leistungssportler. Mentale Vorbereitung hilft, Stress zu regulieren und handlungsfähig zu bleiben – gerade wenn Fragen kritisch oder Emotionen hoch sind.\“
Dazu gehöre, mögliche Einwände vorab durchzudenken, klare Ziele für den Auftritt zu definieren und Routinen zu entwickeln, um Nervosität zu kontrollieren.\“Wer mental vorbereitet ist, behält auch in schwierigen Momenten die Deutungshoheit\“, so Keller.
Wenn Vorbereitungüber Vertrauen entscheidet
Wie stark sich gute Vorbereitung auswirkt, zeigt ein Beispiel aus der Unternehmenspraxis. Bei einer internen Strategiepräsentation eines mittelständischen Unternehmens stieß ein unklar vorgetragener Sparkurs auf Widerstand und Verunsicherung. Eine Woche später wurde derselbe Inhalt erneut vorgestellt – diesmal strukturiert, mit klarer Einordnung und einem präzisen Ausblick. Die Reaktionen fielen deutlich konstruktiver aus, obwohl sich an den Maßnahmen nichts geändert hatte.
Der Unterschied lag nicht in der Entscheidung, sondern in ihrer Vermittlung.
Performance und Vortrags-Coaching als strategische Absicherung
Vor diesem Hintergrund wird Präsentations- und Kommunikationscoaching zunehmend als Bestandteil professioneller Vorbereitung auf anstehende Reden verstanden.\“Gute Vorbereitung reduziert Risiken\“, sagt Wahl.\“Wer weiß, was er sagen will und warum, wirkt auch dann souverän, wenn noch nicht alle Antworten vorliegen.\“
In unsicheren Zeiten hören Menschen genauer hin. Und unvorbereitete Reden sind ein Risiko, die sich keine Führungskraft mehr leisten kann. Wer vorbereitet spricht, übernimmt Verantwortung für Wirkung, Richtung und Vertrauen. Vorbereitung ist damit kein Zusatz mehr, sondern ein zentrales Führungsinstrument.
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