Marcus Giers:„Deutschland scheitert nicht an Möglichkeiten—sondern an Vertrauen und Kommunikation\“

Deutschland diskutiertüber Rezession, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Transformation und sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig existieren seit Jahren zahlreiche wirtschaftliche Instrumente der Bundesregierung und der Europäischen Union, die Unternehmen bei Beratung, Weiterbildung, Digitalisierung und strategischer Entwicklung unterstützen sollen.
Nach Einschätzung des Unternehmers und Medienstrategen Marcus Giers, der dem Senat der Wirtschaft angehört, liegt das eigentliche Problem jedoch nicht im Fehlen solcher Möglichkeiten. „Deutschland hat in vielen Bereichen kein Mangelproblem. Deutschland hat vor allem ein Kommunikations- und Vertrauensproblem\“, sagt Giers.
Viele Programme und Instrumente seien rechtlich vorhanden, praktisch nutzbar und wirtschaftlich relevant. Dennoch erreichten sie große Teile des Mittelstands nicht oder würden von Unternehmern nur unzureichend verstanden. Die Gründe dafür sieht Giers in einer Mischung aus komplizierter Sprache, bürokratischen Strukturen und einem beschädigten Vertrauen in Teile des Beratungs- und Coachingmarktes.
Eine Branche zwischen Wachstum und Glaubwürdigkeitskrise
Dass Giers Einschätzung nicht im luftleeren Raum steht, belegt die RAUEN Coaching-Marktanalyse 2024 — eine der umfangreichsten unabhängigen Erhebungen zum deutschsprachigen Coaching- und Beratungsmarkt mit über 1.100 ausgewerteten Fragebögen. Die Studie stellt fest, dass die Coaching-Branche in denJahren 2023 und 2024 in zahlreichen Medien allzu oft mit „Abzocke\“und unseriösen Angeboten in Verbindung gebracht wurde. Gleichzeitig bewerten die befragten Coaches den Professionalisierungsgrad ihrer eigenen Branche im Durchschnitt mit lediglich 54,93 Prozent — knapp die Hälfte des Marktes gilt damit in der Selbsteinschätzung als nicht hinreichend professionell. Über 77 Prozent der Befragten fordern mehr Engagement der Verbände, um diesem Missstand entgegenzuwirken.
Giers sieht genau darin ein strukturelles Problem: Unternehmer hätten weiterhin hohen Bedarf an Digitalisierung, KI-Transformation, Organisationsentwicklung, Führungskräfteentwicklung und strategischer Begleitung. Gleichzeitig seien viele vorsichtiger geworden, weil sie überzogene Versprechen, unklare Modelle oder fachlich fragwürdige Anbieter erlebt hätten.
„Viele Unternehmer haben weiterhin den Bedarf. Aber sie haben aufgehört, Vertrauen zu haben\“, so Giers.
Dabei beträfe diese Entwicklung längst nicht nur einzelne Marktteilnehmer, sondern eine gesamte Wissens- und Transformationsbranche. Unternehmensberater, Coaches, Trainer, Weiterbildungsanbieter und spezialisierte Experten begleiteten heute zentrale Veränderungsprozesse in Unternehmen — von Digitalisierung über Fachkräftesicherung bis hin zu KI-gestützten Organisationsstrukturen. Gleichzeitig zeigt die RAUEN-Studie, dass das Durchschnittseinkommen solo-selbstständiger Coaches mit rund 80.500 Euro jährlich noch immer deutlich unter den Werten vor der COVID-19-Pandemie liegt.
„Das Problem ist nicht, dass die Instrumente nicht existieren\“, erklärt Giers. „Das Problem ist, dass ein großer Teil des Marktes nie gelernt hat, wie diese Instrumente seriös, rechtssicher und wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden können.\“
Was der DIHK seit Jahren fordert— und was sich inzwischen verändert hat
Dass Förderprogramme trotz ihrer Verfügbarkeit zu selten genutzt werden, ist kein neues Phänomen. DIHK-Präsident Peter Adrian formulierte es im März 2024 in einem offiziellen Positionspapier des Deutschen Industrie- und Handelskammertages so: „Schleppende Digitalisierung, überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und lange Genehmigungsverfahren drücken auf das Innovationstempo.\“Das Positionspapier hält fest, dass langwierige Antragsverfahren und Verwendungsnachweisprüfungen Betriebe oftmals von der Nutzung von Bund-, Länder- und EU-Programmen abhalten. Mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen gaben demnach an, durch Bürokratie in ihrer Innovationstätigkeit eingeschränkt zu sein.
Giers teilt diese Diagnose— ergänzt sie jedoch um eine entscheidende aktuelle Beobachtung aus seiner eigenen unternehmerischen Praxis: Die bürokratischen Hürden bei vielen Programmen existieren in dieser Form längst nicht mehr.
„Was viele Unternehmer heute noch im Kopf haben, entspricht nicht mehr der Realität\“, sagt Giers.„In unserer eigenen Firmengruppe erleben wir, dass Antragsbearbeitungen heute oft nur noch wenige Tage dauern. Und bis das Geld vom zuständigen Bundesamt oder Ministerium auf dem Konto ist, vergehen im Regelfall zwei bis vier Wochen.\“
Das eigentliche Problem sei damit nicht mehr die Bürokratie selbst — sondern das veraltete Bild der Bürokratie, das sich in den Köpfen vieler Unternehmer festgesetzt habe. Die Realität habe sich verändert; die Wahrnehmung sei nicht mitgekommen.
„Genau darin liegt das Kommunikationsproblem\“, sagt Giers.„Wer denkt, er wartet sechs Monate auf einen Bescheid, fragt erst gar nicht an. Dabei könnte er in vier Wochen bereits über Mittel verfügen.\“
Warum viele Unternehmer bestehende Möglichkeiten nie erkennen
Ein weiteres Kernproblem sieht Giers in der Sprache und Struktur vieler Programme. Zahlreiche wirtschaftliche Möglichkeiten seien nicht als leicht verständliche Produkte sichtbar, sondern versteckten sich in Richtlinien, Verwaltungsverfahren, Programmbedingungen, Beschlüssen und europarechtlichen Begrifflichkeiten.
„Diese Instrumente heißen nicht Masterclass, Elite-System oder Wachstumscode. Sie heißen Richtlinie, Zuwendung, Beihilfe oder Verwaltungsverfahren. Wer die Sprache nicht versteht, erkennt oft auch die wirtschaftliche Dimension nicht\“, sagt Giers.
Dabei gehe es ausdrücklich nicht um pauschale Erfolgsversprechen oder einfache Modelle. Vielmehr müssten rechtliche Voraussetzungen, branchenspezifische Regelungen, Programmgrenzen und formale Zulassungen sauber geprüft werden. Gerade deshalb sei eine seriöse Einordnung entscheidend.
Wer tatsächlich fragt — und was die Daten zeigen
Eine interne Marktanalyse aus dem Umfeld von Giers und seinen Geschäftspartnern dokumentiert für den Zeitraum August 2024 bis Herbst 2025 über 1.500 qualifizierte Anfragen und Interessenbekundungen aus dem deutschsprachigen Beratungs-, Coaching- und Dienstleistungsmarkt. Darunter befanden sich Unternehmensberatungen, HR- und Recruitingunternehmen, Leadership- und Executive-Coaching, Organisationsentwicklung, Digitalisierung, KI-Beratung, Weiterbildung, Agenturen sowie Medien- und Kommunikationsunternehmen.
Auffällig dabei: Über 95 Prozent der anfragenden Unternehmen verzeichneten monatliche Umsätze von mehr als 5.000 Euro, knapp die Hälfte sogar über 20.000 Euro monatlich. Es handelt sich also keineswegs um wirtschaftlich gefährdete Marktteilnehmer.
„Die spannendste Erkenntnis war für uns, dass nicht gescheiterte Unternehmer nach neuen Möglichkeiten suchen\“, sagt Giers.„Es sind häufig bereits erfolgreiche Unternehmer und Experten, die erkennen, dass sie möglicherweise seit Jahren deutlich unterhalb ihres realen wirtschaftlichen Potenzials arbeiten.\“
Neue Dialogformate im politischen Berlin
Genau an diesem Punkt sollen ab Juni 2026 im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin neue Dialogformate wie der„Senatoren-Talk im Haus der Bundespressekonferenz\“sowie der„Unternehmer-Dialog im Haus der Bundespressekonferenz\“ansetzen. Geplant sind kleinere Gesprächsformate mit Unternehmern, Experten sowie Vertretern aus Wirtschaft, Institutionen, Ministerien, Bundesämtern, Leitstellen und Medien.
Der Anspruch sei ausdrücklich nicht, eine weitere Motivations- oder Verkaufsveranstaltung zu schaffen. Vielmehr gehe es um sachlichen Austausch, bessere Verständlichkeit und neues Vertrauen in bestehende wirtschaftliche Möglichkeiten.
„Wir wollen Unternehmern nachvollziehbar aufzeigen, welche realen Möglichkeiten existieren, welche Voraussetzungen gelten und an welchen Stellen professionelle Unterstützung notwendig wird\“, erklärt Giers.
„Vertrauen wird zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor\“
Für Giers ist die Entwicklung Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Problems.
„Wir leben in einer Zeit permanenter Sichtbarkeit und gleichzeitig wachsender Verunsicherung\“, sagt er.„Deshalb wird Vertrauen in den kommenden Jahren einer der entscheidenden wirtschaftlichen Faktoren.\“
Die eigentliche Herausforderung bestehe deshalb nicht allein darin, neue Programme oder neue Förderinstrumente zu schaffen. Entscheidend sei vielmehr, bestehende Möglichkeiten verständlicher, transparenter und glaubwürdiger zu vermitteln — und veraltete Wahrnehmungen durch aktuelle Fakten zu ersetzen.
„Die Bundesregierung und die Europäische Union haben über viele Jahre wirtschaftliche Instrumente geschaffen, die Unternehmen real helfen können\“, sagt Giers.„Aber ein Instrument entfaltet erst dann Wirkung, wenn Unternehmer es verstehen, ihm vertrauen und es strategisch sinnvoll einordnen können.\“
Genau darin sieht er eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre— nicht nur für Berater und Experten, sondern für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des gesamten Mittelstands.
Categories: Allgemein
No Responses Yet
You must be logged in to post a comment.