Liebe Gläubiger, böse Schuldner–oder ist es manchmal genau umgekehrt?

Jörg Engel: Absolut. Natürlich trägt jeder Mensch eine gewisse Eigenverantwortung. Aber man darf nicht ignorieren, wie stark Menschen heute regelrecht zum Schuldenmachen animiert werden. Besonders im Online-Handel sieht man das ständig. Früher hieß es: Erst sparen, dann kaufen. Heute heißt es: „Sofort kaufen – später bezahlen.“ Oft wird dem Kunden sogar direkt vorgeschlagen, in kleinen Monatsraten zu zahlen, obwohl er vielleicht eigentlich bar zahlen könnte.
Redakteur: Sie meinen diese typischen Zahlungsmodelle wie„Kauf auf Raten“ oder „Zahlung erst in 90 Tagen“?
Jörg Engel: Genau. Viele Shops fragen gar nicht mehr: „Möchten Sie bezahlen?“, sondern eher: „Wie möchten Sie sich verschulden?“ Das klingt hart, aber wirtschaftlich funktioniert genau dieses Prinzip. Der Kunde soll möglichst wenig über die tatsächliche Belastungnachdenken. Wenn aus 2.400 Euro plötzlich „nur 49 Euro im Monat“ werden, verliert man schnell den Überblick. Das ist psychologisch bewusst so aufgebaut.
Redakteur: Kritiker würden sagen: Niemand wird gezwungen, auf Raten zu kaufen.
Jörg Engel: Das stimmt natürlich formal. Aber wir dürfen nicht unterschätzen, wie stark Werbung, gesellschaftlicher Druck und moderne Verkaufspsychologie wirken. Viele Menschen wollen dazugehören. Wer heute kein modernes Handy, kein Auto oder keine Einrichtung auf Kredit kauft, fühlt sich teilweise abgehängt. Das erinnert fast an gesellschaftliche Mechanismen wie beim Alkohol: Wer gar nicht mitmacht, gilt schnell als Außenseiter. Und wer zu weit geht, wird später verurteilt.
Redakteur: Sie sagen also, Schulden werden teilweise bewusst provoziert?
Jörg Engel: Ja, in vielen Fällen eindeutig. Besonders problematisch wird es aber dann, wenn Menschen später ehrlich versuchen, ihre Schulden zurückzuzahlen – und genau das faktisch verhindert wird.
Redakteur: Sie haben dazu ein besonders drastisches Beispiel geschildert.
Jörg Engel: Ja, ein Fall, der mich bis heute beschäftigt. Ein Ehepaar hatte gemeinsam ein Haus gekauft. Auf dem Haus lastete eine Hypothek von etwa 180.000 Euro. Nach der Scheidung wurde das Haus zwangsversteigert. Danach blieb eine Restschuld von ungefähr 30.000 Euro übrig.
Der Mann hat diese Forderung zunächst verdrängt. Zwei Jahre später hatte er aber wieder eine gute berufliche Position und wollte seine Situation endlich bereinigen. Dann meldete sich erstmals ein Inkassobüro bei ihm.
Redakteur: Und der Mann wollte zahlen?
Jörg Engel: Ja, und zwar durchaus ernsthaft. Er bot freiwillig an, monatlich 500 Euro zu zahlen. Interessanterweise sagte das Inkassobüro sogar: „400 Euro reichen völlig.“ Der Mann dachte daher natürlich, die ursprüngliche Restschuld von rund 30.000 Euro bestehe weiterhin undkönne so nach und nach abgetragen werden.
Redakteur: Aber genau das war offenbar nicht der Fall.
Jörg Engel: Richtig. Nach ungefähr zwei Jahren stellte der Mann fest, dass die Forderung weiter anwuchs. Der Grund: Die ursprüngliche Forderung war massiv erhöht worden. Neben der Restschuld kamen Kosten aus der Zwangsversteigerung, Gebühren, Zinsen und weitere Nebenkosten hinzu. Am Ende lag die Gesamtforderung bei ungefähr 50.000 Euro.
Redakteur: Und dazu kamen noch Inkassokosten?
Jörg Engel: Genau. Das bedeutet: Obwohl der Mann bereits rund 9.600 Euro bezahlt hatte, war er finanziell nicht vorangekommen. Für ihn war das ein Schock. Er hatte ernsthaft versucht, seine Schulden abzubauen, aber faktisch bewegte er sich kaum vom Fleck beziehungsweise weiter in die Verschuldung.
Redakteur: Besonders brisant ist aber offenbar ein anderer Punkt.
Jörg Engel: Ja. In Gesprächen stellte sich später heraus, dass die Bank die komplette Forderung längst verkauft hatte – und zwar für ungefähr 10 Prozent des Forderungswertes. Die Bank erhielt also nur etwa 5.000 Euro vom Inkassobüro.
Redakteur: Das bedeutet: Der Schuldner hatte nach zwei Jahren bereits fast doppelt so viel bezahlt wie die Bank bekommen hatte?
Jörg Engel: Genau das ist der Punkt. Alle Beteiligten hätten gewinnen können, wenn die Bank direkt mit dem Mann eine vernünftige Rückzahlungsvereinbarung getroffen hätte. Die Bank hätte deutlich mehr Geld erhalten. Der Mann hätte realistische Chancen gehabt, schuldenfrei zu werden. Stattdessen wurde die Forderung verkauft – und damit begann eine Spirale aus Gebühren, Zinsen und Inkassokosten.
Redakteur: Ist das ein Einzelfall?
Jörg Engel: Leider nein. Viele Schuldner berichten von ähnlichen Erfahrungen. Oft sind Menschen durchaus bereit zu zahlen. Aber die Struktur der Forderungsbeitreibung macht eine echte Entschuldung extrem schwierig. Das führt bei vielen irgendwann zu Resignation.
Redakteur: Dann stellt sich tatsächlich die Frage: Wer ist eigentlich der „Böse“?
Jörg Engel: Genau. Natürlich gibt es auch Schuldner, die bewusst nicht zahlen wollen. Das darf man nicht verschweigen. Aber ebenso gibt es Systeme, die von Schulden profitieren. Und genau darüber wird viel zu selten gesprochen. Wer Menschen erst zum Schuldenmachen animiert und später jederealistische Entschuldung erschwert, darf sich nicht automatisch moralisch überlegen fühlen.
Redakteur: Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?
Jörg Engel: Mehr Transparenz, mehr Verantwortung und mehr echte Lösungen. Wenn ein Mensch ernsthaft zahlen will, sollte das unterstützt werden – statt ihn durch zusätzliche Kosten immer tiefer in die Schuldenfalle zu treiben. Am Ende profitieren faire Lösungen oft sogar wirtschaftlich mehr als maximale Härte.
Redakteur: Herr Engel, vielen Dank für das Gespräch.
Jörg Engel: Sehr gerne.
Categories: Allgemein
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