Wege aus der Krise – Ein Interview mit Schuldenberater Jörg Engel

Jörg Engel:
Die Lage ist in vielen Branchen dramatischer, als es nach außen wirkt. Wir sehen aktuell eine Kombination aus mehreren Belastungsfaktoren:
• massiv gestiegene Energiekosten
• höhere Einkaufspreise
• steigende Löhne
• gleichzeitig rückläufige Umsätze
Viele Unternehmen arbeiten inzwischen am Limit oder bereits darüber hinaus.
„Was bedeutet das konkret für die Betriebe?“
Jörg Engel:
In der Praxis sehen wir häufig, dass Betriebe nur noch versuchen, irgendwie durchzukommen. Das äußert sich zum Beispiel so:
• Es werden gerade noch die laufenden Kosten gedeckt
• Kredite können nur noch teilweise bedient werden
• Oft werden nur noch Zinsen gezahlt – manchmal nicht einmal vollständig
Das Problem ist: Das Unternehmen entwickelt sich nicht mehr weiter. Es wird nur noch verwaltet.
„Viele Unternehmer versuchen dennoch, ihre Schulden weiter zu bedienen. Ist das der richtige Weg?“
Jörg Engel:
Das ist menschlich absolut nachvollziehbar. Niemand möchte seine Verpflichtungen vernachlässigen. Aber wirtschaftlich betrachtet ist das nicht immer sinnvoll.
Wenn ein Unternehmen:
• dauerhaft Liquidität verliert
• keine Rücklagen mehr bilden kann
• keine Investitionen mehr tätigt
• und keine Perspektive auf Verbesserung hat
dann kann es notwendig sein, vorübergehend Zahlungen auszusetzen, um das Unternehmen überhaupt zu stabilisieren.
Wichtig ist:
Es geht nicht darum, Schulden zu ignorieren oder sich ihnen zu entziehen– sondern darum, die Grundlage zu schaffen, um sie später überhaupt begleichen zu können.
„Das klingt nach einem radikalen Schritt. Wie ist das rechtlich zu bewerten?“
Jörg Engel:
Hier ist eine klare Differenzierung wichtig. Es geht ausschließlich um strukturierte, rechtlich zulässige Maßnahmen.
Ein ungeordnetes Einstellen von Zahlungen kann erhebliche Risiken mit sich bringen. Deshalb sollte so ein Schritt immer:
• gut vorbereitet
• rechtlich geprüft
• und strategisch begleitet werden
Ziel ist es, eine Situation zu schaffen, in der das Unternehmen wieder handlungsfähig wird – nicht, Verpflichtungen zu umgehen.
„Sie sprechen davon, Gläubiger zu Verhandlungen zu bewegen. Wie funktioniert das?“
Jörg Engel:
Gläubiger handeln in der Regel wirtschaftlich. Wenn sie erkennen, dass:
• ein Unternehmen ohne Entlastung nicht überlebensfähig ist
• bei einem Scheitern deutlich höhere Verluste drohen
• eine Fortführung langfristig bessere Rückflüsse ermöglicht
dann steigt die Bereitschaft zu Lösungen erheblich.
Typische Ansätze sind:
• Stundungen
• Ratenvereinbarungen
• Teilverzichte
• Vergleichslösungen
„Und wenn Gläubiger nicht kooperieren?“
Jörg Engel:
Dann wird es schwieriger– aber nicht aussichtslos. Entscheidend ist, eine starke Verhandlungsposition aufzubauen.
Dazu gehört:
• eine klare Strategie
• professionelle Kommunikation
• und gegebenenfalls strukturelle Anpassungen im Unternehmen
Ziel ist es immer, Vollstreckungsmaßnahmen zu vermeiden, damit das Unternehmen Luft zum Atmen bekommt.
„Sie erwähnen auch internationale Aspekte. Wann kann das eine Rolle spielen?“
Jörg Engel:
In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, über eine Verlagerung von Unternehmensstrukturen ins Ausland nachzudenken – selbstverständlich im Rahmen der geltenden Gesetze.
Das kann dazu beitragen:
• neue Handlungsspielräume zu schaffen
• Verhandlungen neu zu strukturieren
• wirtschaftliche Perspektiven zu verbessern
Grundsätzlich gilt: Es geht niemals darum, Gläubiger zu benachteiligen oder Vermögenswerte zu verschieben. Es geht darum, eine tragfähige Lösung für alle Beteiligten zu erreichen.
„Was ist Ihr wichtigster Rat für Unternehmer in der Krise?“
Jörg Engel:
Nicht zu lange warten.
Viele kommen erst, wenn es fast zu spät ist. Dabei gilt:
• Je früher man handelt, desto mehr Optionen hat man
• Je klarer die Strategie, desto besser die Ergebnisse
• Je professioneller die Begleitung, desto geringer die Risiken
„Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Krisenstrategie?“
Jörg Engel:
Eine gute Strategie ist:
• realistisch
• rechtssicher
• nachhaltig
Eine schlechte Strategie hingegen basiert oft auf:
• Verdrängung
• kurzfristigen Notlösungen
• oder rechtlich riskanten Entscheidungen
„Ihr Fazit zur aktuellen Situation?“
Jörg Engel:
Die aktuelle Krise zwingt viele Unternehmer zum Umdenken. Das ist schwierig– aber auch eine Chance.
Manchmal ist es notwendig, einen klaren Schnitt zu machen, um:
• das Unternehmen zu stabilisieren
• wieder Liquidität aufzubauen
• und langfristig alle Verpflichtungen erfüllen zu können
Am Ende profitieren alle davon– auch die Gläubiger.
Categories: Allgemein
No Responses Yet
You must be logged in to post a comment.