Warum Steuerkanzleien keine Bewerber bekommen

Offene Stellen bleibenüber Monate unbesetzt, das bestehende Team arbeitet zunehmend am Limit und klassische Recruiting-Maßnahmen liefern immer weniger Ergebnisse.
In Gesprächen mit Kanzleiinhabern fällt dabei häufig ein Begriff: Fachkräftemangel.
Unbestritten ist der Markt angespannt. Qualifizierte Steuerfachangestellte, Bilanzbuchhalter und Steuerberater sind stark nachgefragt und die Wechselbereitschaft ist häufig geringer als in anderen Branchen.
Doch diese Erklärung greift in der Praxis oft zu kurz.
Denn parallel dazu gibt es Kanzleien, die – im gleichen Marktumfeld – kontinuierlich neue Mitarbeiter gewinnen. Teilweise sogar planbar.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur:
Warum gibt es zu wenige Bewerber?
Sondern vielmehr:
Warum entstehen bei einigen Kanzleien deutlich mehr passende Kontakte als bei anderen?
Der entscheidende Unterschied liegt im System
In der Analyse zeigt sich ein wiederkehrendes Muster:
Viele Steuerkanzleien betreiben Recruiting nicht als System, sondern als Sammlung einzelner Maßnahmen.
Typische Ansätze sind:
klassische Stellenanzeigen
Veröffentlichungen auf Jobportalen
Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk
Diese Maßnahmen sind grundsätzlich sinnvoll.
Das Problem entsteht jedoch dann, wenn sie nicht miteinander verbunden sind.
In der Folge ergibt sich ein typisches Bild:
Bewerbungen entstehen unregelmäßig und schwer planbar
die Qualität der Kontakte schwankt stark
potenziell geeignete Kandidaten reagieren nicht
bestehendes Interesse wird nicht konsequent weitergeführt
Recruiting wird dadurch zu einem reaktiven Prozess – abhängig von Zufällen statt von Struktur.
Warum gute Bewerber heute anders entscheiden
Ein zentraler Aspekt wird dabei häufig unterschätzt:
Der Entscheidungsprozess von Fachkräften hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert.
Gerade qualifizierte Mitarbeiter wechseln heute nicht mehr allein aufgrund von Gehalt oder einzelnen Benefits.
Vielmehr stellen sie sich Fragen wie:
Wie ist die tatsächliche Arbeitsbelastung in der Kanzlei?
Wie wird geführt und entschieden?
Welche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen langfristig?
Passt das Umfeld zu meinen Erwartungen an Struktur und Arbeitsweise?
Wenn diese Fragen nicht klar beantwortet werden – oder gar nicht erst sichtbar sind – entsteht kein echter Impuls für einen Wechsel.
Selbst wenn grundsätzlich Interesse vorhanden wäre.
Das eigentliche Problem: fehlende Anschlussfähigkeit
In vielen Kanzleien scheitert Mitarbeitergewinnung nicht an Sichtbarkeit, sondern an Anschlussfähigkeit.
Das bedeutet konkret:
Selbst wenn potenzielle Bewerber erreicht werden, kommt es nicht zu einer Handlung.
Die Gründe dafür sind häufig:
ein unscharfes oder austauschbares Arbeitgeberbild
zu komplexe oder unattraktive Bewerbungsprozesse
fehlende Klarheitüber Aufgaben, Arbeitsweise und Erwartungen
langsame oder unstrukturierte interne Abläufe
In der Summe führt dies dazu, dass Interesse entsteht – aber nicht umgesetzt wird.
Wie erfolgreiche Kanzleien Mitarbeitergewinnung strukturieren
Kanzleien, die dauerhaft bessere Ergebnisse erzielen, unterscheiden sich in einem Punkt deutlich:
Sie denken Recruiting als System.
Ein solches System basiert in der Regel auf vier zentralen Bausteinen:
1. Klare Arbeitgeberpositionierung
Die Kanzlei ist als Arbeitgeber verständlich und differenziert im Markt erkennbar.
2. Niedrigschwelliger Erstkontakt
Interessierte Kandidaten können einfach und ohne große Hürden in den Austausch gehen.
3. Planbarer Bewerberfluss
Kontakte entstehen nicht zufällig, sondern regelmäßig und nachvollziehbar.
4. Strukturierter Entscheidungsprozess
Vom Erstkontakt bis zur Einstellung ist der Ablauf klar definiert und wird aktiv gesteuert.
Erst durch dieses Zusammenspiel entsteht ein Recruiting-System, das unabhängig von einzelnen Maßnahmen funktioniert.
Experteneinschätzung aus der Praxis
\“Viele Kanzleien investieren Zeit und Budget in Recruiting – aber ohne eine klare Struktur dahinter. Das führt dazu, dass Ergebnisse stark schwanken und nicht planbar sind\“, erklärt Christian Seidel, Geschäftsführer von Kanzleistruktur.de.
\“Der entscheidende Unterschied entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch die Verbindung aller relevanten Faktoren zu einem funktionierenden System.\“
Auch Geoffrey Khan, Mitgeschäftsführer, sieht das Problem vor allem auf struktureller Ebene:
\“Wir erleben häufig, dass Kanzleien grundsätzlich sichtbar sind, aber keine echte Wirkung erzielen. Das liegt selten am Markt allein, sondern daran, dass Positionierung, Ansprache und Prozess nicht sauber aufeinander abgestimmt sind.\“
Warum viele Kanzleien das Problem unterschätzen
Ein wesentlicher Grund dafür, dass diese Zusammenhänge oft nicht erkannt werden, liegt in der Wahrnehmung.
Recruiting wird häufig als operative Aufgabe verstanden:
Stellen veröffentlichen, Bewerbungen sichten, Gespräche führen.
Was dabei fehlt, ist die strategische Ebene:
Wie muss unsere Kanzlei aufgebaut sein, damitüberhaupt Bewerbungen entstehen?
Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, wird meist nur an Symptomen gearbeitet – nicht an der Ursache.
Fazit: Mitarbeitergewinnung ist keine Einzelmaßnahme
Die Gewinnung von Mitarbeitern in Steuerkanzleien ist heute kein reines Reichweiten- oder Budgetthema mehr.
Sie ist eine Frage der Struktur.
Kanzleien, die Recruiting als System verstehen und entsprechend aufbauen, haben deutlich bessere Chancen:
planbare Bewerber zu gewinnen
passende Mitarbeiter einzustellen
und langfristig stabiler zu wachsen
Für alle anderen bleibt Mitarbeitergewinnung häufig ein dauerhaftes Problem.
Categories: Allgemein
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