Neue Risikoanalysen zeigen: Kinderarbeit bleibt in globalen Lieferketten weit verbreitet

\“Was wir in Analysen vor Ort sehen, widerspricht vielen gängigen Annahmen von Unternehmen: Kinderarbeit entsteht nicht am Rand von Lieferketten – sie ist oft eine direkte Folge von Einkaufspraktiken und vermeintlich funktionierenden Strukturen\“, sagt Anne Reiner, Expertin für Kinderrechte in Lieferketten bei Save the Children Deutschland.\“Unser neuer Bericht zeigt, warum viele Maßnahmen ins Leere laufen und was Unternehmen konkret anders machen müssen, um Kinder wirklich zu schützen.\“
Die Erkenntnisse basieren auf 16 Risikoanalysen in neun Ländern, die zwischen 2023 und 2025 durchgeführt wurden, sowie den Ergebnissen der Studie\“Kinderrechtsrisiken in globalen Lieferketten: Warum ein Null-Toleranz-Ansatz nicht genug ist\“aus dem Jahr 2023. In elf der 16 neuen Analysen wurde Kinderarbeit nachgewiesen und in den restlichen ein hohes Risiko dafür verzeichnet. Zusammen mit rund 1.300 von Save the Children und The Centre begleiteten Fällen von Kinderarbeit wird deutlich: Das Risiko für Kinderarbeit ist sektorübergreifend weiterhin allgegenwärtig und häufig in informellen, weniger sichtbaren Ebenen der Lieferketten verborgen.
Maßnahmen gegen Kinderarbeit können das Problem in Teilen sogar verschärfen. Während Verbote bei direkten Zulieferern greifen, verlagert sich das Risiko häufig in die tieferen, weniger sichtbaren Ebenen der Lieferketten. Ein Grund dafür sind pauschale Nulltoleranzansätze großerUnternehmen: Ihre Lieferanten schließen oft alle unter 18-Jährigen aus, auch dort, wo Jugendliche legal arbeiten dürften. Dadurch verlieren sie den Zugang zu vergleichsweise sicheren Arbeitsplätzen und werden in informelle Bereiche ohne Schutz und faire Bezahlung gedrängt.
Wie drastisch die Realität hinter diesen Strukturen ist, zeigt ein Beispiel aus Pakistan: Ein 17-jähriger Junge berichtet, dass er Tag für Tag PET-Abfälle im informellen Recyclingsektor sortiert.\“Wir fangen um 7 Uhr morgens an und sammeln bis 18 Uhr Müll\“, sagt er.\“Einige werden von der Deponie krank, aber sie kommen zurück, weil es keine andere Arbeit gibt.\“In Pakistan fördert die gestiegene Nachfrage nach recycelten Materialien ungewollt die Arbeit in diesem Sektor. Hier sammeln Kinder schon vor ihrem sechsten Lebensjahr scharfkantige, kontaminierte PET-Abfälle, um über die Runden zu kommen. Vor allem in der heißen Jahreszeit, wenn sich die Bakterien in den Müllbergen besonders schnell ausbreiten, sind die Kinder gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt.
Was Kinder zur Arbeit drängt, sind insbesondere strukturelle Ursachen wie niedrige und unsichere Löhne und Einkommen, steigende Lebenshaltungskosten und fehlende soziale Absicherung. Auch die Folgen der Klimakrise verstärken den Druck, wenn etwa Ernten ausfallen. Ein zentrales Problem ist die in der Analyse festgestellte Lücke zwischen gesetzlichen Mindestlöhnen und tatsächlich existenzsichernden Löhnen. Arbeitsverhältnisse können auf dem Papier den Mindestlohn erfüllen, reichen aber oft nicht aus, um Familien zu ernähren. Dadurch entsteht in Kontrollberichten ein falsch positives Bild, während das Risiko für Kinderarbeit weiterbesteht.
\“Unternehmen dürfen Kinderarbeit nicht nur dort bekämpfen, wo sie sichtbar ist, sondern müssen Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette zeigen. Die bestehenden Lieferkettengesetze reichen hier bei Weitem nicht aus, vor allem aber ihre Umsetzung durch Unternehmen\“, sagt Anne Reiner.\“Wer Kinder wirklich schützen will, muss bei den Ursachen gegensteuern: mit fairen Einkaufspreisen, die existenzsichernde Einkommen ermöglichen, sowie durch Unterstützung bei der Schaffung sicherer Arbeitsplätze und Transparenz entlang der gesamten Lieferkette. So können Unternehmen Einfluss nehmen, der Kinder schützt und ihre Rechte bewahrt.\“
Über Save the Children
Im Nachkriegsjahr 1919 gründete die britische Sozialreformerin und Kinderrechtlerin Eglantyne Jebb Save the Children, um Kinder in Deutschland und Österreich vor dem Hungertod zu retten. Heute ist die inzwischen größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt in rund 120 Ländern tätig. Save the Children setzt sich ein für Kinder in Kriegen, Konflikten und Katastrophen. Für eine Welt, die die Rechte der Kinder achtet, in der alle Kinder gesund und sicher leben sowie frei und selbstbestimmt aufwachsen und lernen können – seit über 100 Jahren.
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