Mit Erasmus+ Erfahrungen fürs Leben sammeln

In der toskanischen Stadt Volterra haben in diesem Jahr sechs Handwerkerinnen und zehn Handwerker aus Süddeutschland zahlreiche Spuren hinterlassen: Dutzende Fenster und drei große Türen der Sparkassenstiftung wurden restauriert, eine alte Steinmauer sowie eine Straße erneuert, ein Metallgeländer hergestellt, ein Relief aus Alabaster geformt und Fresken an Decken freigelegt. Die Einsatzorte und Aufgaben waren bewusst vielfältig. Für die jungen Gesellinnen und Gesellen bedeutete das: neue Arbeitstechniken kennenlernen, Verantwortung übernehmen und auch fachfremde Tätigkeiten erproben, in einer Region, in der traditionelles Handwerk und Kulturerbe eng miteinander verbunden sind.
„Ich dachte, ich hätte aus der Ausbildung schon viel mitgenommen, aber in Volterra habe ich noch einmal ganz anders gelernt“, erzählt Giuseppe Fantetti aus Stuttgart, Elektroniker mit der Fachrichtung Energie und Gebäudetechnik. Die Werte und die Herzlichkeit, die er von den Einheimischen erfahren habe, haben ihn sehr geprägt. „Diese Erfahrungen möchte ich um nichts in der Welt tauschen.“
Aus Sicht der Handwerkskammer ist das Programm deshalb weit mehr als ein Auslandspraktikum. Jan Deike, Geschäftsführer Berufliche Bildung, betont: „Gerade in Zeiten, in denen Krisen viele Menschen verunsichern, ist es besonders wertvoll zu erleben, wie durch solchen Austausch Vertrauen wächst – von Mensch zu Mensch. Dieses Projekt stärkt nicht nur Kompetenzen, sondern auch Zusammenhalt.“
Restaurieren, renovieren, Neues lernen
Vor allem die Wertschätzung für Bestehendes hat die Teilnehmenden, auch „Erasmini“ genannt, geprägt: „Bei uns in Deutschland wird oft schnell alles neu gemacht. Hier habe ich erlebt, wie selbstverständlich man versucht, das Alte zu bewahren und zu reparieren“, berichtet Giuseppe Fantetti.In der traditionsreichen Etruskerstadt sind vor allem Ausbau- und Restaurierungsarbeiten gefragt. So haben fünf der „Erasmini“ unter Anleitung eines erfahrenen Restaurators einen weiteren Deckenabschnitt im etruskischen Museum wiederhergestellt. „Die Arbeit hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, besonders das feine, präzise Arbeiten hat mich fasziniert“, berichtet Sabrina Klenk, Maler- und Lackiererin aus Lenningen. Seitdem könne sie sich gut vorstellen, sich künftig stärker in Richtung Restauration zu entwickeln.
Auch im Lebensmittelhandwerk bringt die Toskana neue Impulse. Konditorin Michelle Hammer freut sichüber die vielen traditionellen, italienischen Gebäcken, die sie während ihres Aufenthalts zubereiten konnte: „Es war toll, die neuen Rezepte und Techniken zu lernen.“ Für sie steht fest: „Ich möchte noch einmal ins Ausland, um noch mehr Neues zu entdecken.“ Auch Schreiner Frederik Wagner hat den bekannten Werkstoff Holz zwischenzeitlich gegen Alabaster – ein feinkörniges, weiches und meist weißes, durchscheinendes Gestein, für das Volterra bekannt ist – eingetauscht. „Das war eine sehr schöne Erfahrung, die ich sonst nicht hätte machen können.“
Lernenüber den Beruf hinaus
Zum Start des Auslandsprogramms absolvierten die„Erasmini“ einen vierwöchigen Intensivsprachkurs. „Am Anfang wurde sich bewusst Zeit genommen, um gut in die Sprache reinzukommen. Das hat mir enorm geholfen“, erzählt Raumausstatterin Josephine Düppuis. Während der zweimonatigen Arbeitsphase in den italienischen Handwerksbetrieben konnten dann die neu erlernten Sprachkenntnisse direkt in der Praxis angewendet und weiter ausgebaut werden: Tag für Tag, im Austausch mit Kolleginnen, Kollegen und Kundschaft.
Zum Projekt gehört in Volterra bewusst mehr als die handwerkliche Arbeit. Keno Lanziner, Metallbauer mit der Fachrichtung Konstruktionstechnik nennt die drei Monate eine „einmalige Erfahrung“, nicht zuletzt wegen des Miteinanders. „Ich habe zum ersten Mal für eine Gruppe dieser Größe gekocht, für 16 Leute“, erzählt er. Gelebt haben die „Erasmini“ im Naturfreundehaus „Il Vile“. Besonders in Erinnerung geblieben sind die gemeinsamen Aktivitäten: ein Alabasterworkshop, Museumsbesuche, Geschichts- und Architekturseminare oder die Ausflüge nach Rom,ans Meer, zu heißen Quellen und zu den Steinbrüchen von Carrara, in denen der weltberühmte Marmor abgebaut wird. Keno Lanziners Bilanz: „Ich werde das Projekt jedem empfehlen, der im Handwerk arbeitet. Man kommt fachlich weiter – und als Mensch sowieso.“
Zu dem Projekt:
Seit 1999 habenüber 450 Gesellinnen und Gesellen an dem Auslandsprojekt teilgenommen, zunächst gefördert durch die Europäische Union als Leonardo-da-Vinci-Mobilitätsprojekt und seit 2015 als Mobilitätsprogramm Erasmus+. Möglich ist der Austausch nur durch die verlässliche Unterstützung der italienischen Partner: Die Stadt Volterra, die Sparkassenstiftung vor Ort, die Naturfreunde GIAN Volterra und die Villa Palagione.
Die Teilnehmenden 2026:
Johanna Diez, Tischlerin aus Ditzingen
Josephine Düppuis, Raumausstatterin aus Linkenheim
Jennifer Ehing, Raumausstatterin aus Lenningen
Giuseppe Christian Fantetti, Elektroniker (Fachrichtung Energie und Gebäudetechnik) aus Stuttgart
Moritz Fricker, Tischler aus Filderstadt
Anka Großkopf, Bäckerin aus Oberriexingen
Georg Friedrich Haas, Zimmerer aus Vaihingen an der Enz
Michelle Hammer, Konditorin aus Freiberg am Neckar
Julius Kabella, Maurer aus Grenzach-Wyhlen
Sabrina Klenk, Maler- und Lackiererin aus Lenningen
Keno Lanziner, Metallbauer (Konstruktionstechnik) aus Stuttgart
Linus Münch, Stuckateur aus Ebersbach-Musbach
Paul Stöbe, Steinbildhauer aus Neuffen
Frederik Wagner, Tischler aus Fellbach
Sven Wicke, Maler und Lackierer aus Gärtringen
Martin Wickenhäuser, Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik aus Stuttgart
Die Bewerbungen für das nächste Jahr laufen, Bewerbungsfrist ist der 30.09.2026.
Weitere Informationen zum Erasmus+-Projekt gibt es unter: www.hwk-stuttgart.de/volterra
Categories: Allgemein
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