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Die neue Sehnsucht nach dunkler Führung

 

Bis vor wenigen Jahren schien sich die Welt – zumindest aus westlicher Perspektive – in Richtung größerer Stabilität zu entwickeln. Globale Vernetzung, wirtschaftliche Verflechtung und die Ausbreitung demokratischer Systeme galten als Fortschrittsindikatoren. Doch spätestens seit den frühen 2010er-Jahren hat sich diese Wahrnehmung spürbar verändert.

Geopolitische Konflikte, Pandemien, Energiekrisen, fragile Lieferketten, Migration, Digitalisierung und Klimawandelüberlagern sich. Viele dieser Entwicklungen sind hochkomplex, ihre Dynamiken schwer vorhersehbar. Die Folge: Ein wachsendes kollektives Unsicherheitsgefühl.

In einem solchen Klima gewinnt ein Führungsstil an Attraktivität, der vermeintlich Klarheit, Ordnung und Entschlossenheit verspricht – auch wenn er auf Dominanz, Vereinfachung und Abgrenzung basiert. Es entwickelt sich eine\“Sehnsucht nach dunkler Führung\“.

Dunkle Führung als systemisches Phänomen

Dunkle Führung ist kein neues Phänomen. Autoritäre Führungsfiguren haben in unsicheren Zeiten immer wieder Konjunktur. Entscheidend ist jedoch, dass sie selten isoliert wirken. Ihre Wirkung entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit verunsicherten Anhängern und förderlichen Rahmenbedingungen.

In Organisationen zeigt sich dieses Muster ebenfalls. Wenn Transformationsdruck steigt, Entscheidungszyklen kürzer werden und etablierte Geschäftsmodelle unter Stress geraten, wächst die Versuchung, Komplexität durch Kontrolle zu ersetzen.

Kurzfristig kann dies stabilisierend wirken. Langfristig jedoch schwächt es Selbstverantwortung, Innovationsfähigkeit und Vertrauen – also genau jene Faktoren, die Organisati-onen in komplexen Märkten benötigen.

Komplexität wird häufig falsch gelesen

Ein zentrales Problem besteht darin, dass komplexe Herausforderungen häufig wie chaotische Krisen behandelt werden. Komplexität und Krisen sind aber verschiedene Dinge.

Komplexe Systeme – etwa Märkte, gesellschaftliche Entwicklungen oder Innovationsprozesse – lassen sich nicht linear steuern. Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind oft erst rückblickend erkennbar. Dennoch greifen Organisationen unter Druck nicht selten zu autoritären\“Rettungsmaßnahmen\“, die schnelle Handlungsfähigkeit demonstrieren sollen. Das erzeugt kurzfristig Orientierung, kann aber langfristig Lernprozesse blockieren. Mit-arbeitende passen sich an, statt mitzudenken. Risiken werden verdeckt, statt transparent gemacht. Verantwortung verschiebt sich nach oben, anstatt verteilt zu werden.

In diesem Spannungsfeld entsteht die strukturelle Attraktivität dunkler Führungsmuster.

Die kollektive Angst

Die gesellschaftliche Dimension darf dabei nicht unterschätzt werden. Studien zeigen seit Jahren eine Zunahme diagnostizierter Angststörungen in vielen Industrieländern. Unabhängig von klinischen Diagnosen prägt ein diffuses Unsicherheitsgefühl große Teile der Bevölkerung.

Angst reduziert Komplexität. Sie sucht nach klaren Erklärungen und eindeutigen Lösungen. Autoritäre Führung bietet beides: klare Freund-Feind-Muster, starke Narrative und eindeutige Verantwortungszuschreibungen.

Aber der Preis ist hoch. Demokratien wie Organisationen riskieren, sog. Ambiguitätstoleranz zu verlieren, also die Fähigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten.

Wie aber sonst gelingt Transformation?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Organisationen reagieren können, ohne selbst in autoritäre Muster zu verfallen.

Ein zentraler Hebel liegt in der vertikalen Entwicklung von Führung. Während horizontale Entwicklung Wissen, Methoden und Werkzeuge erweitert, verändert vertikale Entwicklung die innere Denklogik, mit der Führungskräfte Komplexität verarbeiten.

Führungskräfte benötigen heute:

-höhere Ambiguitätstoleranz

-differenziertere Perspektivübernahme

-die Fähigkeit, Spannungen zu halten, statt sie vorschnell aufzulösen

-innere Stabilität in unsicheren Kontexten

Solche Entwicklungsschritte entstehen nicht durch klassische Trainingsformate allein, sondern durch Erfahrungsräume, Irritation, Perspektivwechsel und strukturierte Reflexion.

Die Rolle von Organisations-Coaching

Hier setzt mit Organisations-Coaching an. Es kann Räume schaffen, in denen Führungskräfte eigene Handlungsmuster reflektieren, Unsicherheiten bearbeiten und neue Orientierungsrahmen entwickeln. Dabei geht es nicht um die moralische Verurteilung autoritärer Tendenzen, sondern um die systemische Analyse ihrer Entstehungsbedingungen. DunkleFührung ist weniger Ursache als Symptom – ein Hinweis darauf, dass Systeme unter Druck geraten sind.

Bei Leadership Choices begleiten wir seit vielen Jahren Transformationsprozesse in internationalen Organisationen. Unsere Arbeit basiert auf einem multimodalen Ansatz: Einzel- und Team-Coachings, Leadership-Programme, dialogische Großgruppenformate sowie erfahrungsorientierte Lernräume greifen ineinander. Im Zentrum steht die Frage, wie Organisationen Komplexität produktiv nutzen können, statt sie durch Kontrolle zu verdrängen.

Ein Gegenpol zur Sehnsucht nach Dominanz

Die gegenwärtige Sehnsucht nach starker, vereinfachender Führung ist nachvollziehbar. Sie ist eine psychologische Reaktion auf Überforderung. Doch nachhaltige Zukunftsfähigkeit entsteht nicht durch Reduktion von Komplexität, sondern durch wachsende Reife im Umgang mit ihr.

Organisations-Coaching kann in diesem Kontext einen wichtigen Beitrag leisten – nicht als schnelle Lösung, sondern als strukturierter Entwicklungsraum. Es stärkt Selbstwirksamkeit, Reflexionsfähigkeit und kollektive Lernprozesse.

Die zentrale Herausforderung unserer Zeit liegt daher weniger in der Frage, wie Kontrolle erhöht werden kann, sondern darin, wie Individuen und Organisationen lernen, Unsicherheit gemeinsam zu tragen – ohne in autoritäre Muster zurückzufallen.

Autor Karsten Drath ist seit 2006 als Coach für Führungskräfte bei Leadership Choices tätig. In seiner Zeit als Coach veröffentlichte er mehrere Artikel und Bücher zum Thema Führung, Coaching und Resilienz.

Posted by on 5. März 2026.

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Categories: Allgemein

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