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Über 200 Absagen später: Bewerbungsgespräche als Machtdemonstration – und als Intelligenztest

 

Mehr als 200 Absagen. Oft nicht einmal das. Stattdessen: Funkstille. Ghosting als neue Höflichkeitsform des Arbeitsmarkts. Wer sich 2026 bewirbt, erlebt ein System, das Effizienz predigt und Entwürdigung produziert. Menschen investieren Wochen in Anschreiben, Lebensläufe, Case Studies – und verschwinden anschließend kommentarlos in digitalen Bewerberfriedhöfen.

Das Bewerbungsgespräch, diese einstige Einladung zum Dialog, ist zur asymmetrischen Machtdemonstration geworden. Auf der einen Seite: Personalerinnen und Personaler mit Notizblock, Bewertungsraster, Zeitdruck. Auf der anderen: Bewerberinnen und Bewerber, die in exakt 60 Minuten ihre gesamte Persönlichkeit, berufliche Kompetenz, emotionale Stabilität und kulturelle Passfähigkeit beweisen sollen. Wer stockt, verliert. Wer zu ehrlich ist, auch. Wer zu perfekt wirkt, ebenfalls.

Das Machtgefälle ist strukturell

Recruiting ist längst kein Kennenlernen mehr, sondern ein Prüfungsformat. Die Macht liegt bei denen, die entscheiden, ob jemand\“passt\“. Die Kriterien bleiben diffus, die Rückmeldungen aus. Absagen kommen automatisiert, Zusagen fühlen sich zufällig an. Und doch wird so getan, als sei das Ergebnis objektiv.

Dabei ist das Verfahren selbst hochsubjektiv. Sympathie,Ähnlichkeit, Tagesform – all das entscheidet mit. Wer den Code nicht kennt, scheitert nicht an mangelnder Qualifikation, sondern an mangelnder Übersetzungsleistung.

Bewerbungsgespräche sind auch ein Intelligenztest

So hart es klingt: Das System belohnt nicht zwangsläufig die Besten – sondern die Vorbereitetsten. Bewerbungsgespräche sind kein Abbild realer Arbeitsleistung, sondern ein eigenes Spielfeld. Wer versteht, wie dieses Spiel funktioniert, hat bessere Chancen.

Die unbequeme Wahrheit: Intelligente Bewerberinnen und Bewerber nehmen Interviews nicht persönlich. Sie analysieren sie. Sie trainieren. Sie reflektieren. Und sie wissen, dass Spontaneität im Bewerbungsgespräch ein Mythos ist.

Die Bewerbungscoachin Jessica Wahl sagt:
\“Ein Interview misst nicht, wer du bist – sondern wie gut du dich auf genau dieses Format einstellen kannst.\“

Konkrete Tipps von Job und Bewerbungscoach Jessica Wahl

1. Das Interview ist kein Gespräch, sondern eine Inszenierung
\“Viele glauben, sie müssten einfach sie selbst sein\“, sagt Wahl.\“Aber Interviews folgen klaren dramaturgischen Regeln.\“
Tipp: Entwickeln Sie drei Kernbotschaftenüber sich – fachlich, menschlich, strategisch. Diese müssen in jedem Interview hörbar werden, egal welche Frage gestellt wird.

2. Antworten immer strukturieren
Unstrukturierte Brillanz verpufft.
Tipp: Antworten Sie nach dem Prinzip Situation – Aufgabe – Handlung – Ergebnis. Personaler denken in Mustern. Liefern Sie ihnen welche.

3. Schwächen sind erlaubt – Orientierungslosigkeit nicht
Die klassische Schwächenfrage ist eine Falle für Unvorbereitete.
Tipp: Nennen Sie eine reale Schwäche, aber zeigen Sie aktiv, wie Sie damit arbeiten. Entwicklung schlägt Perfektion.

4. Ghosting nicht internalisieren
Funkstille ist kein Urteilüber Ihren Wert.
Tipp: Bewerbungen parallel führen, emotionale Distanz wahren, Prozesse dokumentieren. Wer das System persönlich nimmt, verbrennt Energie.

Ein System, das sich selbstüberschätzt

Der Arbeitsmarkt 2026 leidet nicht an zu wenig Talent, sondern an schlechten Auswahlmechanismen. Unternehmen glauben, sie könnten Menschen in einer Stunde erfassen – und irren sich systematisch. Gleichzeitig wird von Bewerbenden verlangt, dieses Spiel perfekt zu beherrschen.

Vielleicht ist das Bewerbungsgespräch deshalb weniger ein Test der Eignung als ein Spiegel der Anpassungsfähigkeit. Wer ihn besteht, ist nicht unbedingt der Beste – sondern derjenige, der verstanden hat, wie Macht, Sprache und Erwartung zusammenspielen.

Posted by on 11. Februar 2026.

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Categories: Allgemein

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