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ADHS-Medikation rettet Leben – aber nur, wenn Patient und Arzt an einem Strang ziehen / Informationen vom Expertenrat ADHS

Wer ADHS hört, denkt oft an Schulkinder, Zappeln und vergessene Hausaufgaben. Doch die Realität reicht weit darüber hinaus. Eine aktuelle schwedische Registerstudie mit fast 150.000 Betroffenen zeigt: Erwachsene und Jugendliche mit ADHS, die ihre Medikamente konsequent einnehmen, haben deutlich geringere Risiken für Suizidalität, Substanzmissbrauch, Verkehrsunfälle und sogar strafrechtlich relevantes Verhalten. Das klingt nüchtern, ist aber in Wahrheit eine kleine Sensation. Denn erstmals wurde im großen Maßstab nachgewiesen, dass eine medikamentöse Behandlung nicht nur ADHS-Symptome lindert, sondern auch lebenspraktische Risiken der Störung reduziert, die über Jahre hinweg den Alltag von Betroffenen und ihren Familien bestimmen.

Gleichzeitig führt die Studie deutlich vor Augen, welche Voraussetzungen für die medikamentöse Therapie nötig sind. Denn Medikamente wirken nur, wenn sie auch wirklich genommen werden – und genau daran scheitert es häufig.\“Nur jeder vierte Patient nimmt seine ADHS-Medikation so, wie sie verordnet ist\“, sagt Dr. Jürgen Fleischmann, Kinder- und Jugendarzt sowie ärztlicher Leiter des Johanniter MVZ Rheinland. Er spricht von Adhärenz – einem Begriff, der über das alte\“Compliance\“-Denken hinausgeht. Statt\“mach, was der Arzt sagt\“, geht es um gemeinsame Entscheidungen: Welche Ziele sind realistisch? Wie lässt sich die Einnahme in den Alltag integrieren? Wer erinnert an die Tablette, wenn die Geduld mal wieder knapp wird?

Behandlungsabbruch bedeutet ein Risiko

Die Auswertung schwedischer Registerdaten belegt: Eine konsequente ADHS-Medikation kann wichtige Schutzfaktoren bieten. Behandelte Patient:innen wiesen signifikant niedrigere Raten von Suizidverhalten, Substanzmissbrauch, Verkehrsunfällen und Straftaten auf. Dieser positive Effekt war besonders ausgeprägt bei Menschen, die bereits Vorerfahrungen mit diesen Problemen hatten, sowie bei der Betrachtung wiederkehrender Ereignisse. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass Behandlungsabbrüche in der Praxis häufig sind und die langfristige Wirksamkeit so oft gefährdet wird.

ADHS-Experte Fleischmann weist darauf hin, dass die durchschnittliche Behandlungsdauer bei Kindern und Jugendlichen mit diagnostiziertem ADHS oft nicht länger als zwei Jahre beträgt – ein frappierender Widerspruch zu einer Störung, die Betroffene in etwa 2/3 der Fälle ihr Leben lang begleitet. Die Gründe hierfür sind komplex: fehlende gemeinsame Ziele zwischen Kind, Eltern und Arzt, unbehandelte Eltern mit eigener ADHS-Symptomatikund ein Umfeld, das die Therapie infrage stellt. Seiner Erfahrung nach wird der Erfolg zudem oft unter dem falschen Maßstab gemessen:\“Lebensqualität muss das oberste Ziel sein\“, betont Fleischmann.\“Nicht eine bessere Mathe-Note, sondern zum Beispiel die Erfahrung, endlich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen zu werden.\“

Adhärenz heißt: Ziele gemeinsam festlegen

Auch Erwachsene profitieren von dieser Sichtweise. Wer ADHS-Medikamente nimmt, aber ohne therapeutische Begleitung plötzlich mit aufgestauten Gefühlen konfrontiert ist, braucht Unterstützung – nicht nur ein Rezept. Adhärenz bedeutet deshalb auch, dass Arzt und Patient im Gespräch bleiben, dass Ziele überprüft und angepasst werden. Und dass Betroffene das Gefühl haben:Mein Alltag, meine Sorgen, meine Wünsche zählen.

Für die behandelnden Haus- und Fachärzt:innen heißt das: Es ist nicht die Quantität der Gespräche, sondern ihre Qualität, die über die Dauer einer Behandlung entscheidet. Ein kurzes, ernst gemeintes Nachfragen kann den Unterschied machen zwischen Abbruch und Vertrauen. Die aktuelle Evidenz eröffnet eine Perspektive, die weit über klassische Symptomdebatten z. B. in Medien und sozialen Netzwerken hinausgeht: ADHS-Therapie ist nicht nur eine Frage schulischer Leistungen oder individueller Konzentration – sie ist eine Investition in Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.

Die Botschaft ist klar: ADHS-Medikation rettet Leben, aber sie entfaltet ihre Kraft nur im Zusammenspiel mit einer tragfähigen Arzt-Patient-Beziehung. Für Betroffene bedeutet dies eine Hoffnung auf weniger Krisen und mehr Lebensqualität. Für Ärzte heißt es, Kommunikation ernst zu nehmen. Und für die Gesellschaft: Ein genauerer Blick auf ADHS lohnt sich – weit jenseits alter Klischees.

– Podcast Expertenrat ADHS: Kein Grund zur Panik! Adhärenz in der ADHS-Behandlung (https://www.expertenrat-adhs.de/podcast/adhaerenz-in-der-adhs-behandlung/)

– Zhang L, Zhu N, Sjölander A, Nourredine M, Li L, Garcia-Argibay M, Kuja-Halkola R, Brikell I, Lichtenstein P, D Onofrio BM, Larsson H, Cortese S, Chang Z: ADHD drug treatment and risk of suicidal behaviours, substance misuse, accidental injuries, transport accidents, and criminality: emulation of target trials. BMJ. 2025 Aug 13;390:e083658 (Volltext, englisch (https://doi.org/10.1136/bmj-2024-083658)).

Pressekontakt:

Expertenrat ADHS
Rainer H. Bubenzer
+49 – 030 – 12053790
bubenzer@expertenrat-adhs.de
www.expertenrat-adhs.de

Original-Content von: Expertenrat ADHS,übermittelt durch news aktuell

Posted by on 27. Januar 2026.

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Categories: Allgemein

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