ADHS bei Erwachsenen: Diagnose gestellt – Behandlung nicht in Sicht

Wer heute als Erwachsene:r in Deutschland eine fundierte ADHS-Diagnose erhält, steht danach häufig ohne verlässliche Anschlussversorgung da: Es fehlt an Behandler:innen, an klaren Zuständigkeiten und an strukturierten Behandlungspfaden.\“Wir sehen immeröfter Menschen, die nach einer aufwendigen Diagnostik mit einem Befund in der Hand dastehen – und dann monatelang niemanden finden, der eine leitliniengerechte Behandlung übernimmt\“, sagt der Psychiater und ADHS-Experte Dr. med. Christian Konkol vom Expertenrat ADHS.
Während sich die Versorgung von Kindern mit ADHS in den vergangenen Jahren schrittweise verbessert hat, bleiben erwachsene Betroffene deutlich zurück. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Erwachsenen mit ADHS trotz relevanter Beeinträchtigungen keine leitliniengerechte Behandlungerhält (u. a. Kooij et al.). Gleichzeitig haben ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen in Europa in den letzten Jahren deutlich zugenommen – schneller als die Versorgungsstrukturen gewachsen sind.
Zwischen Diagnose und Therapie klafft eine Versorgungslücke
\“Diagnostik ohne Behandlung ist ein Systemfehler\“, so Konkol.\“Wenn wir Menschen sagen: Sie haben ADHS, das erklärt vieles in Ihrem Leben – und sie dann mit einem Befund nach Hause schicken, lassen wir sie genau in dem Moment allein, in dem sie Unterstützung brauchen.\“Unbehandelte ADHS im Erwachsenenalter ist mit einer erhöhten Rate an komorbiden psychischen Erkrankungen, beruflichen Problemen und einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität verbunden.
Nach aktueller S3-Leitlinie soll die Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter multimodal erfolgen, also in der Regel eine Kombination aus Psychoedukation, gegebenenfalls medikamentöser Therapie sowie verhaltens- oder psychotherapeutischen Angeboten umfassen.\“In der Realität sehen wir bei Erwachsenen häufig das Gegenteil: Entweder gar keine spezifische Therapie oder eine stark reduzierte Form – etwa Psychotherapie ohne ADHS-spezifischen Fokus oder eine Medikation ohne begleitende Aufklärung und Unterstützung\“, kritisiert Konkol.
Ein zusätzlicher Engpass liegt in den langen Wartezeiten: In Deutschland vergehen im Durchschnitt mehrere Monate bis zum Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung, häufig über 20 Wochen (König et al. 2024). Für viele Betroffene bedeutet das eine Phase anhaltender Instabilität – oft inohnehin belasteten Lebenssituationen.
Hinzu kommt, dass Hausärztinnen und Hausärzte in der Versorgungspraxis häufig die Rolle von Auffangbehandlern übernehmen.\“Hausärztinnen und Hausärzte sind unverzichtbar – aber sie dürfen nicht allein gelassen werden\“, so Konkol.\“Wir brauchen klar definierte, gut erreichbare spezialisierte Ansprechpartner:innen, mit denen sie zusammenarbeiten können, statt ihnen die Verantwortung für eine komplexe Langzeitbehandlung stillschweigend zu übertragen – ohne dass dafür ausreichende strukturelle und zeitliche Ressourcen vorgesehen sind.\“
Der Expertenrat ADHS fordert, das Versorgungsloch nach der Diagnose systematisch anzugehen. Dazu gehören aus Sicht des Gremiums mehr spezialisierte ADHS-Ambulanzen für Erwachsene, besser finanzierte strukturierte Behandlungsprogramme, klar definierte Verweiswege für Hausärzt:innen sowie transparente regionale Informationsangebote für Betroffene.\“Wir wissen aus der Forschung sehr gut, was wirksame Behandlung ausmacht – das Problem liegt nicht im Erkenntnisstand, sondern in der Umsetzung\“, fasst Konkol zusammen.
Hinweis für Betroffene
Betroffene, die nach einer ADHS-Diagnose keinen Behandlungsplatz finden, sollten mehrere Wege parallel nutzen:über Hausärzt:innen, regionale ADHS-Ambulanzen, die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (116 117), Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie sowie spezialisierte Psychotherapeut:innen. Ergänzend können strukturierte Selbsthilfeangebote, evidenzbasierte Patientenleitlinien und – als zeitlich begrenzte Überbrückung – digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) sinnvoll sein.
Weitere Informationen
* Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie\“Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter\“, AWMF-Register-Nr. 028-045 (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045).
* ADHS Hausarzt-Leitfaden des Expertenrates ADHS (https://www.expertenrat-adhs.de/bestellung-adhs-hausarzt-leitfaden/).
Pressekontakt:
Expertenrat ADHS
Rainer H. Bubenzer
+49 – 030 – 12053790
bubenzer@expertenrat-adhs.de
www.expertenrat-adhs.de
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