23 stock

An diesem Abend ist er wieder einmal außer Betrieb. Elena drückt trotzdem auf den Knopf, wartet, und als nichts passiert, bleibt ihr nur die Treppe. Sie nimmt die ersten Stufen noch gelassen – es ist nicht das erste Mal. Doch je höher sie steigt, desto seltsamer werden die Gänge.
Das Licht flackert. Erst wirkt es wie gewöhnliche Neonröhren, die am Ende ihrer Lebenszeit angekommen sind. Doch bald merkt sie, dass das Flackern einer eigenen Logik folgt: kurze, lange, wieder kurze Intervalle, fast wie ein Morsecode, den niemand mehr versteht. In den Unterbrechungen des Lichts scheinen die Schatten nicht einfach zu verschwinden, sondern sich neu zu ordnen.
Auf Höhe des 17. Stocks bleibt sie zum ersten Mal stehen. An der Wand gegenüber taucht etwas auf, das sie noch nie bewusst gesehen hat: ein Geflecht aus feinen Linien, ein Quadrat, durchdrungen von Kreisen und schrägen Bahnen, als ob jemand einen architektonischen Plan auf Licht und Schatten gezeichnet hätte. Die Farben – Violett, gebrochenes Grün, ein verborgenes Rot – entstehen nicht aus der Wand selbst, sondern aus der Überlagerung der Lichtfelder. Es ist, als hätte der Flur für einen Moment beschlossen, seine eigentliche Struktur zu zeigen.
Elena geht weiter. Ihre Schritte hallen anders als sonst– nicht das klare Echo von Schuhsohlen auf Beton, sondern ein gedämpftes, fast weiches Klacken, als würde sie über etwas Unsichtbares laufen. Mit jeder Etage verdichten sich die geometrischen Muster an den Wänden. Mal sind sie nur flüchtige Reflexe, mal scheinen sie sich für Sekunden zu stabilisieren, als wollten sie ihr etwas mitteilen.
Im 21. Stock glaubt sie, in einer der Formen etwas wie ein Gesicht zu erkennen. Keine klare Fratze, keine klassische Geistererscheinung. Eher ein Eindruck, der knapp an der Grenze zur Deutung bleibt: Augen, die nicht aussehen wie menschliche Augen, sondern eher wie zwei Verdichtungen von Linien. Sie weiß, dass ihr Verstand versucht, Ordnung in Zufall zu bringen, aber der Gedanke, dass hier jemand einmal große Angst gehabt haben könnte, hat sich bereits festgesetzt.
Sie zwingt sich, weiterzugehen. Als sie den 23. Stock erreicht, wirkt plötzlich alles normal. Das Licht ist konstant, die Wände sind einfach Wände, der Boden ist einfach Boden. Der Gang ist langweilig und leer – fast zu leer.
Vor ihrer Wohnungstür bleibt sie kurz stehen. Das Flackern ist vorbei. Der Fahrstuhl schweigt. Die Stadt, weit unter ihr, ist nur noch ein leiser Geräuschteppich aus Sirenen, Autos, einer fernen U?Bahn, die gelegentlich durch die Nacht summt.
In dem Moment, in dem sie die Tür öffnet und ihr Handylicht kurz die Wohnung erhellt, sieht sie es: An der Innenwand gegenüber liegt ein vertrautes Muster aus Linien, Flächen, Schichten. Die Formen sind nicht exakt die gleichen wie im Treppenhaus, aber sie folgen demselben Prinzip. Kreise schneiden Quadrate, Diagonalen durchkreuzen Räume, farbige Streifen überlagern sich, als hätte jemand ihre Angst in Geometrie übersetzt und in die Wohnung gelegt.
Elena fragt sich, ob diese Struktur schon immer da war und sie einfach nie genau hingeschaut hat. Vielleicht sind es nur Reflexe, alte Farbschichten, Licht von draußen. Vielleicht ist es aber auch etwas, das sich aus den Gängen, aus dem Flackern, aus den Gedanken der Bewohner gesammelt hat und still begonnen hat, eine eigene Topographie zu entwickeln.
Sie löscht das Licht und beschließt, schlafen zu gehen. Doch sie weiß, dass die Linien auch in der Dunkelheit weiter existieren. Ob sie sich verändern, ob sie sich ausweiten, ob sie irgendwann nicht nur die Wände, sondern die Träume kartografieren – das wird sie erst merken, wenn der Fahrstuhl wieder einmal kaputt ist und sie erneut die Treppen hinaufsteigen muss.
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