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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Debatteüber Benachteiligung

Wenn jemand sich über ein grundsätzliches
Problem empört, und man will ihm den Wind aus den Segeln nehmen,
fragt man gern nach einem ganz konkreten Beispiel. Oft erwischt das
den Beschwerdeführer auf dem falschen Fuß. Diese Taktik wirkt
gegenüber den Tausenden, die derzeit unter dem Hashtag #MeTwo
Benachteiligung, Diskriminierung oder auch Alltagsrassismus in
Deutschland kritisieren, nun gar nicht. Denn an konkreten Erfahrungen
mangelt es ihnen nicht. Kleine Geschichten über Zurücksetzung,
Entmutigung, unfaire Behandlung fluten geradezu das Internet. Diese
Menge kann überraschen, aber sie müsste es nicht. Erst im vergangenen
Sommer hieß es in einer Erhebung für die Antidiskriminierungsstelle
des Bundes, dass fast jeder Dritte in Deutschland in den beiden
Jahren zuvor mindestens einmal Diskriminierung erfahren habe – etwa
aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion oder Behinderung. Frauen,
Homosexuelle und Muslime seien besonders betroffen gewesen. Mit 41
Prozent spielten demnach die meisten Fälle im Arbeitsleben. Eine beim
Institut zur Zukunft der Arbeit erschienene Studie aus dem Jahr 2012
hatte ergeben, dass allein die Angabe eines türkischen Namens
ausreiche, um die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent
zu senken – in kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent. Die
Reaktion auf #MeTwo sollte also nicht mehr lauten: »Stell dich nicht
so an!«, sondern vielmehr: »Erzähl weiter!« Und eine Konsequenz
sollte die Frage sein, was man gemeinsam besser machen kann. So
betreffen nicht wenige der Schilderungen die Schullaufbahn von
Ausländerkindern – wie man früher sagte. Da muss man von Lehrern,
Nachbarn, Behördenvertretern lesen, die talentierte Schüler eben
nicht ermutigt, sondern ausgebremst haben. Ob das Ganze aufgrund von
Gedankenlosigkeit oder Überheblichkeit, Dummheit oder Gemeinheit
geschah, kann man nur vermuten. Die Erinnerungen stammen nicht selten
von heute beruflich dennoch sehr erfolgreichen Menschen. Und sie
handeln davon, wie sie als Kinder unterschätzt wurden, weil man ihnen
und ihren Eltern nichts zutraute. Nun ist es keine neue Erkenntnis,
dass unser Schulsystem einen Mangel an sozialer Durchlässigkeit
aufweist. Aber dieses Wissen ist abstrakt, und die
#MeTwo-Schilderungen sind konkret. Und sie zwingen den Leser, die
Perspektive zu wechseln: Wenn er auf Aussehen oder Herkunft reduziert
worden wäre – was hätte er empfunden? #MeTwo meint auch: Sag mir, was
du fühlst! Wer all das liest, hat eine Ahnung, warum die Vielfalt der
Gesellschaft in vielen Branchen nicht angemessen durch Menschen
abgebildet wird, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen. Reden
wir drüber – nicht nur im Netz!

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

Posted by on 30. Juli 2018.

Tags:

Categories: Politik & Gesellschaft

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