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Westdeutsche Zeitung: Der Kirchentag muss sich nicht kleinreden

Von Ekkehard Rüger

Vermutlich wird sich der Evangelische Kirchentag, so lange er
besteht, aus dieser Schublade nie ganz befreien können: dass er im
Kern eine gigantische links-grün-bürgerliche Wohlfühlveranstaltung
sei, streitarm, christlich-beseelt, moralisierend und vor allem auf
Selbstvergewisserung bedacht. Selbst Kirchentagspräsident Hans
Leyendecker, der in der Stadt seines Herzens spürbar aufblühte,
monierte, er hätte sich mehr Kontroverse und härtere Debatten
gewünscht.

Aber selbst wenn es so wäre, dass es in Dortmund zu harmonisch
zuging, wäre das wirklich verwunderlich? Könnte es nicht auch eine
ganz gesunde Reaktion auf all die Aufgeregtheit, Aggression,
Intoleranz und Hetze im öffentlichen Raum sein, dass es bei vielen
Menschen eine große Sehnsucht danach gibt, mal wieder irgendwo in
Ruhe und gegenseitiger Achtung zu diskutieren? Und ist nicht auch
Selbstvergewisserung ein so nachvollziehbares wie berechtigtes
Bedürfnis gerade bei denjenigen, um die es vor Ort oft einsam wird,
weil sie sich mit ihrem Engagement für Flüchtlinge, Integration und
interreligiöse Verständigung im öffentlichen Grundton nicht mehr
wiederfinden?

Dieses Bedürfnis der Selbstvergewisserung gilt auch keineswegs nur
für die Kirchentagsbesucher selbst. Man kann den großen Zulauf von
Spitzenpolitikern, wenn man will, natürlich immer darauf schieben,
dass bald wieder irgendwo Wahlkampf ist und man sich deshalb in
Messehallen gerne feiern lässt, während sich der Kirchentag im Glanz
der Namen sonnt und wichtig fühlt. Aber wer genauer hinsah und
hinhörte, konnte in Dortmund erleben, dass auch Politiker danach
dürsten zu spüren, dass die digitalen und medialen Erregungswellen
vielleicht doch nicht die einzig legitimen Seismografen für die
Stimmung im Volk sind. Nicht nur NRW-Ministerpräsident Armin Laschet
(CDU) und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zeigten sich
regelrecht dankbar dafür. Und eine Großveranstaltung, bei der sich in
dieser thematischen Vielfalt Politik, Kirchen, zivilgesellschaftliche
Organisationen und ein breiter Querschnitt der Bevölkerung begegnen
und in konstruktiver Weise austauschen, gibt es in Deutschland und
vielleicht auch Europa nicht ein zweites Mal.

In Dortmund hat das gute Wetter dazu geführt, dass die geringere
Zahl an Dauergästen am Ende noch durch die Tagesbesucher kompensiert
wurde, auch wenn die teils großen Lücken im BVB-Stadion gezeigt
haben, dass zwei parallele Schlussgottesdienste wirklich nicht hätten
sein müssen. Der Kirchentag selbst aber hat keinen Grund, sich
kleinreden zu lassen – er ist auch in Zukunft jeden öffentlichen Euro
wert, der in seine Organisation fließt.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2370
redaktion.nachrichten@wz.de
www.wz.de

Original-Content von: Westdeutsche Zeitung, übermittelt durch news aktuell

Posted by on 23. Juni 2019.

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Categories: Vermischtes

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