Weinen ist nicht immer eine Erleichterung

Emotionales Weinen im Erwachsenenalter ist ein bekanntes Verhalten, das einzigartig für den Menschen ist. Dennoch weiß man wenig, wie es sich tatsächlich auf die Stimmung auswirkt – insbesondere außerhalb künstlicher Forschungssituationen. Frühere Studien stützten sich häufig entweder auf rückblickende Fragebögen oder auf Laborexperimente, die jeweils deutlichen Einschränkungen unterliegen. Um Weinen unter realistischeren Bedingungen zu untersuchen, nutzten Forschende der KL Krems einen ereignisbasierten „Experience-Sampling-Ansatz”: Dabei wurden Weinepisoden möglichst zeitnah zu ihrem Auftreten im Alltag erfasst. So ließ sich eine Verzerrung der Erinnerungen reduzieren und die emotionale Befindlichkeit in einer natürlicheren Umgebung als im Labor untersuchen.
Geteilte Tränen
„Unser Ziel war es, Weinen dort zu untersuchen, wo und wann es tatsächlich passiert – im Alltag“, sagt Prof. Stefan Stieger, Leiter des Fachbereichs für Psychologische Methodenlehre an der KL Krems. „Mithilfe von Smartphones konnten wir Weinepisoden in Echtzeit erfassen und anschließend den emotionalen Status über die nächste Stunde hinweg verfolgen. Dadurch konnten wir Veränderungen nach dem Weinen deutlich präziser untersuchen als mit retrospektiven Berichten oder Laborstudien.“
An der Studie nahmen 106 Erwachsene teil, dieüber einen Zeitraum von vier Wochen begleitet wurden. Die Teilnehmenden dokumentierten jede Episode emotionalen Weinens mit ihrem Smartphone, einschließlich Auslöser, Dauer und Intensität. Außerdem gaben sie unmittelbar nach dem Weinen sowie erneut nach 15, 30 und 60 Minuten Auskunftüber ihren emotionalen Zustand. Insgesamt analysierte das Forschungsteam 315 Weinepisoden, die unmittelbar nach ihrem Auftreten gemeldet wurden, sowie weitere Episoden, die später in Tagesprotokollen dokumentiert wurden.
Ein komplexes Bild des Weinens
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Insgesamt war Weinen unmittelbar danach mit weniger positiven und mehr negativen Gefühlszuständen verbunden – die Teilnehmenden fühlten sich also weniger positiv gestimmt und stärker belastet. Intensiveres Weinen ging dabei mit stärkeren emotionalen Effekten einher. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Auslöser eine wichtige Rolle spielte: Weinen im Zusammenhang mit Einsamkeit oder Überforderung wies das negativste kurzfristige emotionale Profil auf. Weinen als Reaktion auf Medieninhalte war hingegen mit geringerer negativer Gefühlslage verbunden. Einige dieser Effekte klangen rasch ab, während andere noch bis zu eine Stunde später messbar waren. Am nächsten Tag ließen sich jedoch keine dieser Veränderungen mehr nachweisen.
Darüber hinaus beobachteten die Forschenden deutliche Geschlechtsunterschiede: Frauen weinten häufiger als Männer; ihre Weinepisoden waren im Durchschnitt länger und intensiver. Auch die Auslöser unterschieden sich: Weinen aufgrund von Einsamkeit trat bei Frauen häufiger auf, während Männer häufiger aufgrund von Hilflosigkeit oder als Reaktion auf Medieninhalte weinten. Insgesamt deutet dies darauf hin, dass sich das emotionale Erleben nach dem Weinen nicht allein durch die Tränen selbst erklärt, sondern auch durch die Situation, in der sie auftreten.
„Die Studie zeigt, dass Weinen nicht als automatische Form emotionaler Erleichterung verstanden werden sollte“, sagt Hannah Graf MSc, Senior-Koautorin der Studie. „Seine emotionalen Auswirkungen scheinen stark vom jeweiligen Kontext abzuhängen.“
Insgesamt stellen die Ergebnisse die weit verbreitete Annahme infrage, dass Weinen grundsätzlich entlastend wirkt. Stattdessen deuten sie darauf hin, dass Weinen Teil eines komplexeren emotionalen Prozesses ist. Für die KL Krems unterstreicht die Studie außerdem, wie digitale Methoden zur Erhebung von Alltagsdaten die psychologische Forschung schärfen können, indem sie Messungen näher an reale Lebenssituationen heranführen. In diesem Bereich – insbesondere im interdisziplinären Feld von Mental Health und Neurowissenschaften – hat sich die KL Krems international sichtbar positioniert.
Originalpublikation: Effects of Crying on Affect: An Event-based Experience Sampling Study of Adult Emotional Crying, S. Stieger; H. Graf; S. Biebl. Collabra: Psychology 12(1), doi: 10.1525/collabra.157541.
Mehr zur Forschung der KL Krems: https://www.kl.ac.at/de/forschungsblog
Categories: Allgemein
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