Vom Fallen und Aufstehen
Man stolpert schon manchmal, ob in eigenen Gedanken oder von außen angestoßen, über die Frage, was es eigentlich ist, dass so ein Leben wie das unsere definiert, seinen Fortgang bestimmt und letztlich auch sein Ende, und ob man da nicht vielleicht doch etwas ändern oder so ein wenig beeinflussen kann. Liest man die Autobiografie ´Komm Trauma, wirgehen´ der Erfurter Autorin Tara Ketelsen, soeben im Leipziger I.C.H. Verlag erschienen, wird man von Seite zu Seite sicherer, dass es sich immerhin lohnt, es zumindest zu versuchen, auch wenn man sich vielleicht schon als kleines Kind sehr sicher schien, dass nichts so wirklich gut laufen wird,und zu allem Überfluss die (Um-)Welt in Form der lieben Mitmenschen, besonders der ganz nahen, dieser ganzen schlechten Überzeugung mit ihrem Verhalten auch noch Nachdruck verleihen musste. So geschehen bei der Autorin dieses Buches.
Alles beginnt mit einer unbedachten und missverständlichen und selbstverständlich gut gemeinten Äußerung einer Ärztin gegenüber der Autorin, die damals noch nicht Tara hieß und gerade vier Jahre alt war, am Krankenbett ihrer an Brustkrebs erkrankten Mutter. Sie (das kleine Mädchen – gewissermaßen gerade erst im Leben eingetroffen) möge sich doch deswegen, also des Brustkrebses wegen, bitte später vorsehen. Was das Mädchen verständlicherweise als nichts anderes verstehen konnte, als sein eigenes Todesurteil in einer offenbar vorausbestimmten Zukunft. Beide Ereignisse, die kranke Mutter und die unbedachte Warnung, alles andere als ein Start in eine unbeschwerte und glückliche Kindheit, denn solche Dinge bleiben. Und natürlich tragen sie sich fort. In die Schule zum Beispiel, die ja von sich aus einen solchen Druck auf Kinder ausübt, alle Kinder, dass dort kaum Toleranz entstehen kann. Besonders nichtÄngsten gegenüber. Oder einem Anders-Sein, in welcher Form auch immer. Und dass auch die eigene Familie, ausgerechnet, nicht helfen kann, aus sehr unterschiedlichen Gründen, und alles in Teilen noch schlimmer macht, sehr viel schlimmer, lässt nicht mehr viel Boden, auf dem das nun mittlerweile jugendliche Mädchen stehen kann. Und wirklich besser wird ja alles zunächst noch gar nicht. Aber hier, irgendwo zwischen dem Mobbing in der Schule und dem Sich-gegen-alle-Wehren, dem Aussteigen und Abschalten – welches nie konsequent genug und damit endgültig ist – entstehtauch der Wille zu leben, etwas zu machen, Dinge zu erreichen, die Tara sich wünscht und die ihr die anderen einfach nie zutrauen wollten. Und das beginnt mit der Entscheidung Taras, eben diesen Namen für sich zu wählen, ihn zu tragen und den sie belastenden Kindheitsnamen hinter sich zu lassen. Genau genommen beginnt es sogar mit einer vielleicht letzten Entscheidung der Mutter für ihre Tochter, die diese genau an deren 17. Geburtstag zu einer mehrwöchigen Therapie in eine weit von zu Hause entfernte Reha-Klink bringt. Zitat: „Die Therapie wurde zu einer Art Wendepunkt für mich. Ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, um einen Neuanfang zu wagen – einen echten, radikalen Neuanfang. Ich entschied mich, meinen Namen zu ändern. Mein Geburtsname Christina war für mich untrennbar mit dem sexuellen Missbrauch verbunden, den ich erfahren hatte. Jedes Mal, wenn ich ihn hörte, schien er mich zurück in diese dunklen Erinnerungen zu werfen. Also wählte ich den Namen Tara. Im Sanskrit bedeutet Tara Stern, und im Buddhismus gibt es 21 Manifestationen der Göttin, jede mit einer eigenen Bedeutung und Stärke. Dieser Name gab mir das Gefühl vonNeubeginn und Schutz, etwas, das ich in meinem alten Namen niemals finden konnte. … Es war ein langer Weg, bis ich endlich meinen neuen Namen auch offiziell tragen konnte. Deshalb entschied ich mich, mir meinen Namen tätowieren zu lassen. Nicht nur als Zeichen des Neuanfangs, sondern auch als Erinnerung daran, wie viel Kraft und Entschlossenheit in mir stecken. Dieser Name war nicht einfach nur ein Wort – er war ein Teil meiner Seele, eine Essenz dessen, wer ich wirklich bin. Doch das Tattoo blieb nicht das einzige. Es war vielmehr der Beginn einer Reise, auf der ich begann, meine Geschichte unter meiner Haut zu erzählen – in Farben und Bildern, die meine inneren Kämpfe, Triumphe und alles dazwischen ausdrückten. … Rückblickend war die Therapie eine wichtige Erfahrung, die mir geholfen hat, bestimmte Aspekte meines Lebens in den Griff zu bekommen. Besonders die Aggressionen konnte ich besser kontrollieren, und ich fand den Mut, mit meinem Vater reinen Tisch zu machen. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass ich damals noch nicht bereit war, alles zu reflektieren, was mir widerfahren war. Viele Themen blieben unbearbeitet, und obwohl ich Fortschritte machte, fühlte es sich an, als hätte ich nur an der Oberfläche gekratzt.“
Natürlich geht auch ab da nicht alles geradeaus. Doch der Weg steht. Und Tara Ketelsen beschreibt, wie sie ihn geht, wie er ihr sehr oft hilft, wie es sehr hilft, mehr und mehr für sich selbst und sein Leben verantwortlich zu sein, wie kleine und große Erfolge den Dingen Stück für Stück die Kraft nehmen, die als dunkler Schatten so oft über allem standen. Und sie möchte es zeigen und weitergeben, mit diesem Buch, zeigen, dass man sein Trauma nehmen kann und gehen. „Heute bin ich frei. Frei von den Fesseln, die mich so lange festgehalten haben.“
´Komm Trauma, wir gehen´ erhalten Sie ab sofort für 19,90 € bei www.bücherfairkaufen.de oder im Buchhandel.
Honorarfreie Verwendung, Beleghinweis erbeten,
864 Wörter; 5524 Zeichen
Categories: Allgemein
No Responses Yet
You must be logged in to post a comment.