Studie: Sozialstaat noch kaputter als gedacht. Reformgewinne sind verspielt, demografische Zeitenwende steht ins Haus.

Sechs Jahre Stagnation, eine Belastung des Faktors Arbeit durch Steuern und Sozialabgaben von 49,3 Prozent – Rang zwei im OECD-Vergleich – und nun der nahende Renteneintritt der Babyboomer: Das sind gleich drei hoch belastende Herausforderungen für Deutschlands Sozialstaat. Das Policy Paper von Prognos unter dem Titel\“Zeit zu wenden – Deutschlands Sozialstaat am Kipppunkt\“legt auf Basis internationaler Vergleichsdaten offen, dass alle drei Säulen der Sozialversicherung – Rente, Gesundheit und Pflege – dringend struktureller Reformen bedürfen.
Rente:Überdurchschnittlicher Preis für durchschnittliche Leistung
Mit einem Beitragssatz von 18,6 Prozent liegt Deutschland zwei Prozentpunkteüber dem OECD-Schnitt von 16,0 Prozent – und erzielt dafür ein Rentenniveau von 42,1 Prozent, das in etwa dem OECD-Durchschnitt von 43,0 Prozent entspricht. Noch gravierender ist das Defizit bei der privaten Altersvorsorge: Mit einem Altersvorsorgevermögen von lediglich 6,4 Prozent des BIPgehört Deutschland zu den am schlechtesten kapitalgedeckten Rentensystemen der OECD – der Schnitt liegt bei 95,2 Prozent. Ohne den Ausbau einer kapitalgedeckten Säule droht dem System mit dem Renteneintritt der Babyboomer eine zusätzliche Belastungswelle: Die Deutsche Rentenversicherung erwartet einen Anstieg des Beitragssatzes auf 19,8 Prozent bis 2028 und auf 21,2 Prozent bis 2040.
Gesundheit: Höchste Ausgaben, mittlere Ergebnisse
Deutschland gibt mit 12,3 Prozent des BIP mehr für Gesundheit aus als jedes andere EU-Land und liegt unter allen OECD-Ländern nur hinter den USA. Trotzdem bewegt sich Deutschland bei Lebenserwartung und vermeidbarer Sterblichkeit nur im OECD-Mittelfeld. Die Ursache: eine strukturelle Schieflage zwischen zu vielen Krankenhäusern mit zu wenig Fällen und einer unterentwickelten Primärversorgung. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung haben sich seit 1995 fast verdreifacht – von 124 auf 352 Milliarden Euro (2025). Mehr Effizienz statt mehr Einnahmen müsse die Devise lauten, so die Prognos-Autoren.
Pflege: Am Rand des strukturellen Kollapses
Die Soziale Pflegeversicherung steht laut Studie vor dem strukturellen Kollaps. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit 2015 auf 5,7 Millionen gestiegen. Eigenanteile von über 3.200 Euro pro Monat im ersten Heimaufenthaltsjahr überfordern immer mehr Betroffene; ein wachsender Anteil der Heimbewohner ist auf Sozialhilfe angewiesen. Der demografische Wandel allein erklärt die Überforderung des Pflegesystems aber nur zu einem kleinen Teil. Wesentlicher Treiber war hingegen die massive Ausweitung der Leistungsberechtigten im Zuge des zweiten Pflegestärkungsgesetzes von 2017.
Demografische Zeitenwende: Die eigentliche Welle kommt erst noch
Alsübergreifende Rahmenbedingung analysiert die Studie die Demografie: Der Altenquotient – die Zahl der Über-65-Jährigen je 100 Personen im Erwerbsalter – ist seit 2000 von 26,8 auf 38,8 (2024) gestiegen. Mit dem vollständigen Renteneintritt der Babyboomer wird er bis 2037 weiter auf 50,9 zulegen. Der Reformbedarf war laut Prognos bereits im Jahr 2000 mit hoher Zuverlässigkeit absehbar. Was sich verändert hat, ist nicht die Prognose – sondern der verlorene Handlungsspielraum.
Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der INSM, betont:\“Deutschland leistet sich beim Sozialstaat Rekordausgaben – und erzielt im internationalen Vergleich allenfalls Mittelmaß.\“Dabei stünden die größten demografischen Herausforderungen noch bevor, so Alsleben,\“die deutschen Sozialversicherungen werden ohne Reformen immer teurer und wirken damit wachstumshemmend, wodurch die Lage weiter verschärft wird – ein Teufelskreis, den nur grundlegende Reformen durchbrechen können. Die Koalition muss bis zur Sommerpause den Mut haben, solche Reformen anzustoßen, wenn sie das Sozialsystem insgesamt retten will. Wir brauchen mehr Eigenbeteiligung, mehr Kapitaldeckung und bei den Leistungeneine Fokussierung aufs Wesentliche.\“
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