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Selbstbehauptung mit Haltung – Warum Kommunikationstechnik allein nicht reicht

 

Warum klassische Kommunikationstrainings oft wirkungslos bleiben – und weshalb wirksame Selbstbehauptung bei der inneren Haltung des Einzelnen und bei der Kultur des Unternehmens ansetzt.

In vielen Unternehmen wird Selbstbehauptung trainiert wie eine Handwerksübung: Ich-Botschaften, Nein-Sagen in drei Schritten, aktives Zuhören. Die Kurse sind gut gemeint. Die Wirkung bleibt oft aus – nicht weil die Methoden falsch wären, sondern weil sie zu spät ansetzen.

Selbstbehauptung ist kein Kommunikationsproblem. Sie ist ein Haltungsproblem. Und Haltung entsteht nicht durch Technik, sondern durch Arbeit an dem, was darunter liegt.

Was Neurowissenschaft und Psychologie gemeinsam sagen

Der Neurowissenschaftler Gerhard Roth hat in seiner Forschung zur Lern- und Motivationspsychologie gezeigt, dass handlungsleitendeÜberzeugungen überwiegend im limbischen System verankert sind – also unterhalb der bewussten Steuerung. Sie entstehen früh, durch Bindungserfahrungen, soziale Rückmeldungen und Prägungen in der Entwicklung. Einmal verankert, greifen sie schneller als jeder rationale Gedanke.

Für die Praxis bedeutet das: Wer internalisiert hat, dass die eigene Meinung zu viel, zu unbequem oder nicht relevant genug ist, wird an diesem Glaubenssatz scheitern – unabhängig davon, wie viele Kommunikationstools er beherrscht. Das Muster agiert vor dem Sprechen. Erkennbar wird es in kleinen, aber bezeichnenden Signalen: Aussagen, die als Frage enden. Positionen, die dreifach relativiert werden. Das Nein, das so lange in Entschuldigungen verpackt wird, bis sein Inhalt verloren geht.

Erst wenn diese unbewusstenÜberzeugungen bewusst und bearbeitbar werden, entsteht echter Handlungsspielraum. Das ist keine motivationale These, sondern ein Befund, den klinische Forschung aus Schematherapie, Acceptance and Commitment Therapy (ACT) und neurobiologischer Lernforschung konsistent stützt.

Innere Saboteure: erlernte Schutzstrategien, die zur Selbstblockade werden

In der systemischen Arbeit mit Führungskräften und Fachkräften lassen sich wiederkehrende Muster beobachten – innere Saboteure. Sie sind keine Charakterschwächen, sondern erlernte Schutzstrategien, die in früheren Kontexten funktional waren und im heutigen Berufsalltag zur Blockade werden.

Drei Muster dominieren. Die Perfektionistin schweigt, bis die eigene Position vollständig abgesichert ist – und verliert damit Timing und Wirkung. Die Helferin ordnet die eigene Perspektive unter, um Harmonie und Zugehörigkeit zu schützen – und zahlt mit Sichtbarkeitsverlust. Die Harmoniesüchtige vermeidet Reibung um jeden Preis – auch um den Preis der eigenen Klarheit.

Alle drei teilen eine Wurzel: eine zu geringe innere Erlaubnis, Raum einzunehmen. Das deckt sich mit der Selbstwertforschung, die zeigt, dass stabiles Selbstwerterleben nicht primär aus äußeren Erfolgen entsteht, sondern aus dem, was die Psychoanalytikerin Karen Horney bereits in den 1950er-Jahren als\“innere Sicherheit\“beschrieb – eine vonäußerer Bestätigung weitgehend unabhängige Überzeugung der eigenen Berechtigung.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion

Viktor Frankl hat in seiner Logotherapie einen Mechanismus beschrieben, der für die Selbstbehauptungsarbeit unmittelbar anschlussfähig ist:\“Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit.\“Genau dieser Raum ist der entscheidende Ansatzpunkt – therapeutisch wie trainingspsychologisch. Nicht die Situation ist das Problem, sondern die Automatik, mit der auf sie reagiert wird.

Für die praktische Arbeit heißt das: Bevor eine einzige Formulierung geübt wird, muss dieser Raum zugänglich werden – durch Reflexion, durch Körperwahrnehmung, durch die gezielte Arbeit mit den eigenen Reaktionsmustern. Erst wenn das Innehalten gelingt, hat Technik überhaupt eine Chance.

Warum das eine Führungs- und Kulturfrage ist

Die Forschung zur psychologischen Sicherheit – maßgeblich geprägt durch die Studien von Amy Edmondson an Arbeitsteams – zeigt, dass die Bereitschaft, die eigene Perspektive zu äußern, nicht allein eine individuelle Kompetenz ist. Sie wird durch Führungskultur und Teamklima aktiv geformt. Teams mit hoher psychologischer Sicherheit sind nachweislich innovativer, machen lernrelevante Fehler früher sichtbar und weisen geringere Fluktuation auf.

Das verschiebt die Frage der Selbstbehauptung von der Person auf das System: Welche impliziten Normen signalisieren in einem Unternehmen, wessen Stimme zählt? Welches Führungsverhalten ermutigt oder hemmt das Einbringen eigener Positionen? Selbstbehauptungstraining, das nur beim Individuum ansetzt und die Rahmenbedingungen ausblendet, greift zu kurz.

Wirksame Personalentwicklung verbindet beides: die Arbeit an der inneren Haltung des Einzelnen und die bewusste Gestaltung einer Kultur, in der Sichtbarkeit keine Gefahr ist, sondern Normalzustand.

\“Wer gelernt hat, dass die eigene Meinung zu viel ist, scheitert an diesem Glaubenssatz – egal, wie viele Kommunikationstechniken er beherrscht. Deshalb beginnt Selbstbehauptung nicht beim Satzbau, sondern bei der Haltung.\“- Antoniya Hasenöhrl

Posted by on 18. Juni 2026.

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Categories: Allgemein

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