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Mehr Druck, mehr Noten, mehr Sitzenbleiben? Warum wir das eigentliche Problem im Bildungssystemübersehen

 

Führungskräfteentwicklerin Sandra Weckert fordert einen Perspektivwechsel: Nicht strengere Versetzungsregeln lösen die Krise, sondern ein neues Verständnis davon, wie Menschen lernen.

Mecklenburg-Vorpommern verschärft zum neuen Schuljahr die Versetzungsregeln für Gymnasiasten. Wer künftig in Deutsch, Mathematik oder der ersten Fremdsprache die Note 5 erhält, wird nicht mehr versetzt. Der bisher mögliche Notenausgleich in den Kernfächern entfällt weitgehend. Gleichzeitig wird der Umgang mit Künstlicher Intelligenz neu geregelt: Nicht offengelegter KI-Einsatz gilt künftig als Täuschungsversuch.

Bildungsministerin Simone Oldenburg begründet die Reform mit fehlenden Grundlagen in den Kernfächern.

Diese Diagnose teile ich.

Die Schlussfolgerung halte ich jedoch für falsch.

Wir reagieren auf ein Systemproblem mit noch mehr Leistungsdruck auf diejenigen, die bereits unter diesem System leiden.

Schlechte Noten sind keine Ursache. Sie sind ein Symptom.

Wenn immer mehr Kinder grundlegende Kompetenzen nicht erwerben, müssen wir zunächst eine andere Frage stellen:

Warum gelingt Lernen immer häufiger nicht mehr?

Diese Frage stellen wir viel zu selten.

Stattdessen verschärfen wir Regeln, erhöhen den Druck und hoffen auf bessere Ergebnisse.

So funktioniert jedoch kein komplexes soziales System.

Wenn ein Motor ständig ausfällt, wechseln wir schließlich auch nicht den Fahrer.

Wir reparieren den Motor.

Schulen sind keine Prüfungsmaschinen

Schulen sind komplexe soziale Systeme.

Kinder, Lehrkräfte, Eltern, Schulträger, Verwaltung und Politik beeinflussen sich gegenseitig. Jede Veränderung wirkt sich auf das gesamte System aus.

Wer ausschließlich an der Stellschraube\“Noten\“dreht, verändert noch lange nicht die Qualität des Lernens.

Kinder müssen nicht weniger lernen. Sie müssen anders lernen.

Seitüber zehn Jahren begleite ich Unternehmen, Verwaltungen und Bildungseinrichtungen bei der Entwicklung von Führung, Zusammenarbeit und Lernprozessen.

Dabei begegnet mir immer dieselbe Erfahrung:

Menschen lernen dann besonders erfolgreich,

* wenn sie sich sicher fühlen,
* Orientierung erhalten,
* ein kompetentes Vorbild erleben,
* sich auf eine Sache konzentrieren können,
* ausreichend Zeit zumÜben bekommen,
* Verantwortungübernehmen dürfen
* und erleben, dass ihr Einsatz Wirkung hat.

Druck erzeugt selten Meisterschaft.

Er erzeugt häufig Angst.

Dieälteste Lerntechnik der Welt

Über Jahrtausende lernten Menschen nach einem einfachen Prinzip.

Sie beobachteten.

Sie machten nach.

Sieübten.

Sieübernahmen Verantwortung.

Und irgendwann gaben sie ihr Wissen selbst weiter.

Genau dieses Prinzip findet sich bis heuteüberall dort, wo Spitzenleistungen entstehen.

Im Handwerk.

In der Musik.

Im Sport.

In der Medizin.

Kein Konzertpianist entwickelt seine Fähigkeiten durch Klassenarbeiten.

Kein Spitzenkoch wird durch Notendruck besser.

Warum glauben wir gleichzeitig, dass genau dieses Prinzip bei Kindern funktionieren soll?

Der Leadership Circle

Aus dieser Beobachtung entstand der Leadership Circle.

Er beschreibt Lernen nicht als Anhäufung von Wissen, sondern als Entwicklungsprozess.

Menschen beginnen mit Drill, lernen als Follower,übernehmen Verantwortung als Supervisor und werden schließlich selbst zum Leader, der Wissen weitergibt und andere begleitet.

Erst dann ist Lernen wirklich abgeschlossen.

Nicht mit einer Klassenarbeit.

Sondern dann, wenn aus einem Lernenden ein Mensch geworden ist, der andere befähigen kann.

Genau dieses Entwicklungsmodell bildet der Leadership Circle ab und zeigt, dass nachhaltiges Lernen immer Verantwortung, Vorbildfunktion und Weitergabe von Wissen einschließt.

Die Erfahrung aus den\“48 Königen\“

Mit dem Bildungsprojekt\“48 Könige für Deutschland\“erleben wir genau das.

Kinder und Jugendlicheübernehmen freiwillig Verantwortung.

Sie bleiben stundenlang konzentriert an einer Aufgabe.

Sie entwickeln Ausdauer.

Nicht wegen einer besseren Note.

Sondern weil sie verstehen, warum sie etwas lernen.

Weil sie begleitet werden.

Weil sie Vorbilder haben.

Und weil sie erleben, dass sie wachsen können.

Der Wert eines Kindes darf niemals an einer Zahl hängen

Noten können eine Rückmeldung über einen Lernstand geben.

Sie dürfen niemals zum Maßstab für den Wert eines Menschen werden.

Wir haben ein Bildungssystem geschaffen, in dem viele Kinder lernen, für Noten zu arbeiten.

Nicht für ihr Leben.

Das größte Problem unseres Bildungssystems ist deshalb nicht die Note Fünf.

Es ist, dass manche Kinder irgendwann glauben, sie selbst seien eine Fünf.

Ein Richtungswechsel ist nötig

Natürlich brauchen Kinder solide Kenntnisse in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen.

Darüber besteht kein Zweifel.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie erreichen wir dieses Ziel?

Durch mehr Druck?

Oder durch bessere Lernbedingungen?

Ich binüberzeugt:

Nicht strengere Versetzungsregeln werden unser Bildungssystem verändern.

Sondern Schulen, in denen Kinder erleben dürfen, dass Lernen Freude macht, Verantwortung wachsen lässt und Talente entwickelt.

Kinder müssen nicht weniger lernen.

Sie müssen endlich so lernen dürfen, dass Lernen wieder Lust macht.

Denn Bildung bedeutet nicht, Kinder möglichst effizient zu sortieren.

Bildung bedeutet, Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten.

Posted by on 17. Juli 2026.

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Categories: Allgemein

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