MCN-Tagungsreihe thematisiert den Schutz maritimer kritischer Infrastrukturen

Der Anschlag auf die Nordstream-Pipeline hat Politik und Gesellschaft die Verletzlichkeit maritimer Infrastrukturen vor Augen geführt. Doch die Gefahren für die weltweiten Handelsströme, die Kommunikation zwischen Ländern und Kontinenten oder die Energieversorgung sind weitaus größer. „Maritime Infrastrukturen können auf vielfältige Weise gestört oder beschädigt werden“, betonte Prof. Frank Sill Torres zum Auftakt der MCN-Fachtagung „Aerial, Underwater and Digital Surveillance Systems for Offshore and Ports“ in Bremen. Im Zweifelsfall sei nicht einmal offensichtlich, ob eine Bedrohung unbeabsichtigt etwa durch den Black-out an Bord eines Schiffes entstünde oder gezielt herbeigeführt werde, erläuterte der Leiter des DLR-Instituts für den Schutz maritimer Infrastrukturen zu Beginn der Tagung.
„Sie können um einen Offshore-Windpark nicht einfach einen Zaun errichten“
Entsprechend kompliziert ist die Entwicklung geeigneter vorbeugender und abwehrender Maßnahmen. „Sie können um einen Offshore-Windpark nicht einfach einen Zaun errichten“, verdeutlichte Sill Torres. Potenzielle Gefährdungen seien nur schwer rechtzeitig zu erkennen. Die Entfernungen zur Küste oder die Installation unter Wasser erschwere eine Intervention gegen Angriffe oder schnelle Hilfsmaßnahmen bei technischen Störungen. Strategie und Technik für den Schutz kritischer Infrastrukturen sollten für Sill Torres auf drei Aspekte ausgerichtet sein: „Sie müssen eine Gefährdung rechtzeitig erkennen, eine kommende Störung so lange wie möglich hinauszögern und so Zeit für die geeignete Intervention finden“, riet er den Tagungsteilnehmern.
Angesichts der vielfältigen Formen von maritimen Infrastrukturen erscheinen allgemein gültige Patentrezepte für den Schutz unmöglich zu sein. Die Bandbreite gefährdeter Objekte reicht von der Infra- und Suprastruktur in Häfen, Schiffe und Wasserwege bis zu Daten-, Strom- und Gasleitungen sowie den großen Offshore-Windfarmen. Die Herausforderungen für Windpark-Planer und -Betreiber stehen beispielhaft für die Probleme der gesamten maritimen Wirtschaft. Es mangele an „klaren rechtlichen Rahmenbedingungen, definierten Zuständigkeiten sowie einem transparenten Prozess zur Abstimmungtechnischer, organisatorischer und datenschutzrechtlicher Anforderungen“, erläuterte Jan Dalheimer, Sicherheitsexperte des dänischen Windenergieunternehmens Ørsted: „Unklare Kostenregelungen, potenziell verpflichtende technische Nachrüstungen und zusätzliche Belastungen imlaufenden Betrieb stellen ein erhebliches wirtschaftliches Risiko dar.“
„Niemand ruft die IT zu Hilfe, wenn die Maschine eines Schiffes ausfällt.“
Zu den am schwierigsten zu erkennenden Gefährdungen zählen Hacker-Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Doch die Attacken aus dem Cyberspace wirken sich nicht allein auf die Datenverarbeitung und -übertragung aus, sondern kann auch ganz andere Bereiche treffen. „Hacker haben alle Zeit der Welt, sich eine Schwachstelle fürden Angriff auf ein Unternehmen zu suchen“, verdeutlichte Hanno Wiese, Deutschland-Repräsentant des international agierenden Sicherheitsunternehmens Cydome Security: „Aber niemand ruft die IT zur Hilfe, wenn die Maschine eines Schiffes ausfällt.“ Zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen zählt Wiese es, ein Bewusstsein für Gefahrenstellen und für die Abwehr von Angriffen zu entwickeln.
Dass die maritime Wirtschaft in Deutschland dieses Bewusstsein bereits entwickelt, spiegelt sich in der MCN-Fachgruppe„Maritime Sicherheit“ wider. Deren Mitgliedsfirmen haben bereits entsprechende Technologien und Strategien entwickelt. Die Bandbreite reicht von hydroakustischen Sensoren (ELAC Sonar, Kiel), störungssicheren Robotik- und Kommunikationssystemen (EvoLogics, Kiel) und Inspektionsdrohnen für den Einsatz in Häfen bis zu autonom operierenden oder ferngelenkten Abwehrsystemen (Flanq, Rostock), Ingenieurdienstleister für individuelle Sicherheitssysteme (marinom, Bremen), IT-Unternehmen für die Abwehr von AIS- oder GPS-Störungen (JDS, Rostock) und Spezialisten für die Daten-Interpretation (SeaTopic, Kiel). „Unser Ziel ist es, diese Kompetenz sichtbar zu machen und zu vernetzen“, sagt Carl Philipp Wrede, stellvertretender Direktor des DLR-Institutes für den Schutz maritimer Infrastrukturen sowie Leiter der MCN-Fachgruppe, der die Konferenz in Bremen moderierte. „Zugleich möchten wir das Bewusstsein für die besondere Gefährdung und die Komplexität des Schutzes der maritimen kritischen Infrastruktur stärken.“ Nach dem Muster der Auftaktveranstaltung soll eine ganze Reihe weiterer Tagungen folgen.
Categories: Allgemein
No Responses Yet
You must be logged in to post a comment.