Lebensfeldbegrenzungen reduzieren, Menschen mit multiplen Persönlichkeiten zu mehr Lebensqualität verhelfen

Einer dissoziativen Identitätsstörung gehen in aller Regel schwere traumatische Erlebnisse in der sehr frühen Kindheit voraus. In der Folge kommt es nicht zu einer Entwicklung einer Gesamtpersönlichkeit. Stattdessen entwickeln sich mehrere Persönlichkeitsanteile in ein und demselben Kinderkörper, weshalb mandie Störung früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bezeichnete. Diese „Strategie“, Persönlichkeiten abzuspalten, die eigenständig handeln, ist ein Schutzmechanismus, um schlimme, traumatisierende Situationen aushalten zu können. Die entstandenen Persönlichkeiten haben unterschiedliche Charaktere, oft auch unterschiedliche Geschlechter und ein jeweils eigenes Alter, was neben anderen Dingen und Verhaltensweisen auch die Vielzahl von Handschriften erklärt, die sich oft zeigen, wenn sich nach außen eine andere Persönlichkeit offenbart als die, die die meiste Zeit als „Frontmann“ oder „Frontfrau“ auftritt.
Ergotherapeut:innen beleuchten alle Lebensbereiche des Alltags von Menschen mit DIS
Während Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen mit den Betroffenen an deren Traumata und weiteren Verhaltensschwierigkeiten oder psychischen Problemen wie Gedächtnisschranken und -lücken arbeiten, ist der Part von Ergotherapeut:innen die Bewältigung des Alltags. „Alltag“ magsich zunächst lapidar anhören. Unter Alltag verstehen Ergotherapeut:innen all das, was jede Sekunde des Lebens ausmacht: Alltag umfasst sämtliche Aktivitäten, die jeder Mensch tun muss und tun möchte. Der Alltag ist bei Menschen mit DIS besonders wichtig, da sie immer wieder in Situationen geraten, die ihr tägliches Leben durcheinanderbringen. Bei Ergotherapeut:innen ist es üblich, zu Beginn ihrer Intervention eine Betätigungsanalyse zu erstellen, um den Alltag der Patient:innen, die sie im Übrigen als Klient:innen bezeichnen, kennenzulernen. „Wir beleuchten alle Lebensbereiche, erfragen, was jeden Tag stattfindet und dabei zeigen sich die typischen Schwierigkeiten und Einschränkungen im Alltag, die mit einer DIS einhergehen“, erklärt Knagge und führt einige Beispiele auf: Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder Joggen ist oft in der Dunkelheit zu beängstigend, Friseurbesuche oder andere Aktivitäten wie etwa öffentliche Verkehrsmittel nutzen kosten meist immense Überwindung, weil Betroffene in engen Kontakt mit anderen kommen könnten, was sie triggern kann; sie vermeiden das aufgrund des Gefühls ausgeliefert zu sein ebenso, wie sie Untersuchungen bei Ärzt:innen und Zahnärzt:innen umgehen und vieles mehr.
Sekundäre Folgen plus die tatsächliche Erkrankung „DIS“ behandeln führt zur Heilung
Für Menschen, die solche oder ähnliche Befindlichkeiten und Schwierigkeiten im Alltag haben, ist es empfehlenswert, sich bei spezialisierten Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen vorzustellen. Dort lässt sich anhand von Testungen klären, ob eine DIS vorliegt oder ob die bestehenden Probleme auf etwas anderes zurückzuführen sind. Auch wenn die Behandlung einer DIS langwierig und belastend ist, so ist dies dennoch die bessere Alternative. „Es ist ein Irrglaube, man könne die Folgen einer solchen Störung auf sich beruhen zu lassen“, klärt die Ergotherapeutin Knagge auf. Aus den Krankengeschichten ihrer Klient:innen geht hervor, dass diese immer, teils sehr ernste psychische oder physische Erkrankungen hatten oder noch immer haben: Schwere Depressionen, Suizidgedanken, Krebs, Lähmungen, die sich nicht auf körperliche Gründe zurückführenlassen und vieles mehr kann auftreten, wenn die Seele krankt. Werden ausschließlich diese Erkrankungen oder Störungen behandelt, so kann das nicht zum Erfolg führen, da es sich dabei um sekundäre Erkrankungen handelt, die aufgrund der DIS auftreten. Erst, wenn auch die DIS behandelt wird, kommt die Heilung in Gang. Ein weiterer Grund, sich professionelle Hilfe zu holen, sind die zahlreichen Schwierigkeiten, die Menschen mit DIS in ihrem Alltag erleben. Wurde eine DIS diagnostiziert, können Betroffene aufgrund der Diagnose DIS, wegen bestehender Depressionen und anderer Problemeeine Verordnung für eine flankierende ergotherapeutische Intervention zum Verbessern der Einschränkungen im Alltag erhalten.
Ergotherapeut:innen sorgen für Pragmatismus und Klarheit für alle Persönlichkeitsanteile von Menschen mit DIS
„Ergotherapeut:innen unterstützen oft ganz pragmatisch, um die Aufs und Abs, die die Klient:innen durchleben, abzufangen“, erklärt Knagge. Sie sorgt beispielsweise dafür, dass sich ihre Klient:innen Essens- und Wasservorräte für die Zeiträume anlegen, in denen sie sich unter Umständen tage- oder wochenlang abschotten und niemanden an sich heranlassen. Ist ein Thema in der Psychotherapie fertig verarbeitet und abgeschlossen, erleben Menschen mit DIS üblicherweise eine gute Phase. Sobald das Gehirn jedoch neue Bilder „loslässt“ – dazu kommt esbei einer posttraumatischen Belastungsstörung häufig in einem bestimmten Rhythmus – kann dies erneut einen Tiefpunkt oder depressive Phasen auslösen, in der sie den Kontakt mit anderen Personen verweigern. Ein weiteres, großes Problem im Alltag von Menschen mit DIS sind die sogenannten Gedächtnisschranken. Gedächtnisschranken entstehen dadurch, dass eine andere als die Frontperson das Handeln übernommen hat. Der Persönlichkeitsanteil, der üblicherweise die Frontperson ist, befindet sich dann in einer Art Dämmerschlaf und weiß nicht, was während dieserZeit passiert. „Auch hier ist wieder ein pragmatischer Ansatz hilfreich: Ergotherapeut:innen vereinbaren und üben mit allen Persönlichkeitsanteilen, Verlaufsprotokolle zu erstellen und sich jeweils stichpunkthaft zu notieren, welcher Anteil gerade „vorne“ ist, was und weshalb eroder sie etwas tut, welche Gedankengänge gerade wichtig sind und wo er oder sie sich befindet“, legt die Ergotherapeutin dar, wie sie diesen Teil ihrer Arbeit mit Menschen mit einer DIS gestaltet. So ist gewährleistet, dass alle Persönlichkeitsanteile über alles informiert sind undin der Folge im Alltag besser klarkommen.
Ergotherapeut:innen unterstützen Menschen mit DIS ihren Alltag so zu gestalten, dass sie sich sicher fühlen
„Die Themen der jeweiligen Betroffenen sind vielfältig und individuell, aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten wie etwa die Schlafprobleme, die diejenigen von Kindheit an haben und die auf fehlendes Sicherheitsempfinden zurückzuführen sind“, bestätigt die Ergotherapeutin Knagge. Ein oder mehrere Persönlichkeitsanteile der Menschen mit DIS bleiben oft ein Leben lang im Kindesalter. Aus diesem Grund geht die Ergotherapeutin mit diesen Klient:innen in Anlehnung an die Behandlung von Kindern vor, um diesen kindlichen Anteilen ein besseres Sicherheitsgefühl in der Nacht zu vermitteln. Das bedeutet bestenfalls Hausbesuche und diese dürfen Ergotherapeut:innen als Beratung zur Integration des häuslichen Umfelds machen. Auf diese Weise können sich Ergotherapeut:innen vor Ort in die Lage der kindlichen Persönlichkeitsanteile ihrer Klient:innen versetzen. Sie loten gemeinsam mit dem Menschen mit DIS die aus dessen Sichtkritischen Stellen und Situationen in den eigenen vier Wänden aus. Dazu die Ergotherapeutin Knagge: „Ergotherapeut:innen verfügen über eine gute Vorstellungskraft und sind daher in der Lage zu imaginieren, wo könnten bedrohliche Personen wie „Räuber, Einbrecher, Eindringlinge“ hereinkommen“. Gemeinsam mit den Klient:innen überlegen sie dann, wie sie die Wohnung sicher machen können. Wer mag, darf Fenster verbarrikadieren, die Zimmertür nachts abschließen – auch diejenigen, die alleine wohnen – oder eine Höhle zum Schlafen bauen. Auchein Schnuffeltuch, Lavendelkissen oder Kuscheltiere können helfen, die kindlichen Anteile in den erwachsenen Betroffenen zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen.
Mithilfe von Ergotherapeut:innen den Alltag einschränkende Lebensfeldbegrenzungen erkennen und minimieren
Auch bei anderen Themen des Alltags, die sich durch die Betätigungsanalyse gezeigt haben, spielt das Thema Sicherheit eine Rolle. „In diesen Fällen empfehlen Ergotherapeut:innen die zum Selbstschutz üblichen Dinge wie Handtaschenalarm für Frauen oder Apps für das Mobiltelefon, die eine sofortiges Orten ermöglichen“, zeigt Knaggeeinige der Möglichkeiten auf, Betroffenen ein stärkeres Sicherheitsempfinden in ihrem Alltag zu verleihen. Im nächsten Schritt üben Ergotherapeut:innen mit ihren Klient:innen im Wohnort, zum Beispiel an Stellen, die nicht gut beleuchtet sind und – wenn das alles keine Bedrohung mehrdarstellt – im Wald oder der freien Natur, sich selbstbewusster zu bewegen. Auf diesem Weg gelingt es Ergotherapeut:innen mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit in das Leben von Menschen mit DIS zu bringen und die Lebensfeldbegrenzungen Stück für Stück abzubauen. „Menschen mit DISmüssen ihren Alltag nicht so gestalten, wie es für andere „normal“ ist“, fasst Knagge zusammen und betont abschließend: „Es ist wichtig, Betroffene so zu befähigen, dass sie ihren Alltag so gestalten lernen, wie er für sie persönlich gut funktioniert“.
Informationsmaterial zu den vielfältigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in Wohnortnähe auf der Homepage des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche. Zum Podcast gerne hier entlang: https://dve-podcast.podigee.io/
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