Gepanschtes Olivenöl und aufgespritzte Garnelen: TÜV SÜD beleuchtet Lebensmittelbetrug
Schlechte Ernten und steigende Lebensmittelpreise machen die Fälschung mancher Produkte für Kriminelle lukrativ. Zahlen der EU-Kommission zeigen: Betrug existiert, bleibt aber dank engmaschiger Kontrollen begrenzt. TÜV SÜD klärt auf, was „Food Fraud“ in der Europäischen Union bedeutet.Hochwertige Lebensmittel mit minderwertigen Stoffen mischen oder sie sogar ganz ersetzen– das ist das Grundprinzip von Lebensmittelbetrug, in der Fachsprache „Food Fraud“. Auf diese Weise lassen sich Gewinnmargen gezielt steigern. Die Europäische Kommission schätzt, dass Food Fraud jedes Jahr einen
wirtschaftlichen Schaden zwischen 8 und 12 Milliarden Euro anrichtet – bei steigender Tendenz. Nicht zuletzt, um die Anzahl der Betrugsfälle bezogen auf den gesamten Lebensmittelmarkt klein zu halten, finden in der EU fortlaufende Routineüberwachungen und konzertierte länderübergreifende Kontrollaktionen statt.In der EU zählt Olivenöl zu den meistgefälschten Lebensmitteln. Kriminelle verkaufen minderwertiges Lampantöl oder Sonnenblumenöl als Olivenöl extra nativ oder mischen Haselnussöl bei. Ende 2023 und Anfang 2024 stellten Behörden allein in Spanien und Italien rund 260.000 Liter verfälschtes Olivenöl sicher. Der jährliche Gesamtverbrauch in Europa liegt bei circa 1,6 Milliarden Litern. Importierter Honig hat ebenfalls hohes Betrugspotenzial. Bei der Kontrollaktion „From the Hives\“ (2021/2022) der Europäischen Kommission erwiesen sich 46 Prozent von 320 Importproben als verdächtig, mit Zuckersirup gestreckt zu sein. Und dann Oregano. Oregano? Ja, das getrocknete Kraut hatte die höchste Verdachtsquote auf Verfälschung in einer
EU-Kontrollaktion zu Kräutern und Gewürzen. 48 Prozent der Proben waren auffällig und häufig gestreckt mit Olivenblättern. Weitere Favoriten der Fälscher: Schwarzer Pfeffer (17 Prozent) und Kreuzkümmel (14 Prozent).Wie und warum wird gefälscht?Lebensmittelbetrug dient der Gewinnmaximierung, deshalb haben Kriminelle ein Interesse daran, ihr Vorgehen langfristig geheim zu halten. Gefälschte Lebensmittel im Sinne des Food Fraud sind daher meist nicht gesundheitsgefährdend. Das unterscheidet ihn vom Bereich Food Defence, der Sabotage, Erpressung und Terrorismus umfasst – beispielsweise auch Rattengift in Babynahrung. In der Regel geht es bei Food Fraud um Dokumentenfälschung, falsche Deklaration oder Herkunftsangaben sowie die Streckung oder Verdünnung mit Material weniger wertvollen Ursprungs. Mit Haselnussöl gepanschtes Olivenöl ist ernährungsphysiologisch nicht unbedingt weniger wertvoll und geschmacklich sogar milder. Mit Wasser aufgespritzte Garnelen bringen schlicht mehr auf die Waage. Pferdefleisch ist zwar so hochwertig wie Rindfleisch – falsch deklariert bleibt es jedoch Betrug. Verbrauchergefährdend wird es hingegen, wenn Lebensmitteln beispielsweise künstliche Farbstoffe hinzugefügt werden, etwa bei Gewürzen wie Safran oder Paprika.Kriminelle wählen Produkte nach zwei Kriterien: hohe Margen bei geringem Volumen (Oregano, Safran, Bourbon Vanille, Olivenöl, Honig) oder große Mengen bei niedrigen Margen (Fleisch, Getreide). Am Ende sind immer die Verbraucher betroffen, aber auch Unternehmen können zu den Geschädigten gehören: Ein Feinkosthersteller, der eingelegte italienische Tomaten in extra nativem Olivenöl verkauft, könnte von seinem Vorproduzenten gepanschtes Öl oder Tomaten aus einem anderen Land erhalten – trotz korrekter Dokumente.Wer deckt Betrug auf?Ein engmaschiges System aus amtlicherÜberwachung, privatwirtschaftlichen Kontrollen und Zertifizierungen dämmt Lebensmittelbetrug ein. Europol koordiniert regelmäßig weltweit stattfindende sogenannte OPSON-Operationen zur Entdeckung gefälschter und minderwertiger Lebensmittel. Dabei bleibt den beteiligten Staaten selbst überlassen, auf welche Lebensmittel eine nationale Operation ausgerichtet werden soll. Finanzämter und Wirtschaftsprüfer werden hellhörig, wenn teure Produkte zu auffällig günstigen Preise zu- oder verkauft werden. Die EU-Kommission führt gezielte Kontrollaktionen durch, etwa bei Honig oder Gewürzen und veröffentlicht monatlich Berichte über Verdachtsfälle. Zudem betreibt die EU das sogenannte Alert and Cooperation Network (ACN), dazu gehören das Rapid Alert System for Food and Feed (RASFF), ein Schnellwarnsystem für gesundheitsrelevante Risiken, das Administrative Assistance and Cooperation System (AAC) für Verstöße ohne unmittelbares Gesundheitsrisiko und das Agri-Food Fraud Network (FFN) speziell für Betrugsverdachtsfälle.Lebensmittelstandards wirken Lebensmittelbetrug entgegenWeltweit anerkannte Lebensmittel-Zertifizierungsstandards wie IFS Food, FSSC 22000 oder BRCGS Food erschweren systematischen Betrug. Unternehmen erstellen Kontrollpläne, führen Laboranalysen durch und bewerten ihre Lieferanten. Auditoren nehmen Claims, Regionalangaben und wertgebende Deklarationen zum Beispiel bezüglich der Zutaten unter die Lupe, prüfen Dokumentation, Lieferketten und Produktionsumgebungen. Sie beleuchten das Vorsorgesystem des Unternehmens, befragen Mitarbeiter, erfassen, ob Rohware und Endprodukt mengenmäßig zusammenpassen, und nehmen Einblick in Lieferpapiere und sogar Rechnungen. Chemisch-analytisch lassen sich falsche Herkunftsangaben kaum nachweisen, über die Lieferkette jedoch schon. Doch systematischer Betrug bleibt schweraufzudecken. Häufiger stoßen Auditoren auf schlechte Hygiene, Fehler bei der Fremdkörpervermeidung oder Lücken in der Nachweisführung – und sorgen so für sichere Lebensmittel.Was können Verbraucher tun?Bei einem Verdacht sollten sich Verbraucher an die Lebensmittelüberwachung in ihrem Landkreis wenden. Diese ist verpflichtet, Hinweisen konsequent nachzugehen. Über das EU-Netzwerk
Rapid Alert System for Food and Feed können sich Behörden, Auditoren, Verbraucher und Medien über aktuelle
Funde von Lebensmittelbetrug informieren.„Der Verarbeitungsgrad eines Produkts und die Verfügbarkeit von Waren spielen beim Thema Food Fraud eine zentrale Rolle. In Europa gibt es zum Beispiel genug günstige Milch. Manipulation lohnt hier sich kaum. In Asien sieht das anders aus“, erklärt Dr. Andreas Daxenberger, Lebensmittelexpertebei TÜV SÜD. „Damit Unternehmen nicht selbst Opfer von Lebensmittelbetrug beispielsweise rund um Olivenöl werden, sollten sie generell von Lieferanten schriftliche Nachweise und Belege fordern: Was wurde in welcher Beschaffenheit bestellt und geliefert? Rechtsvorschriften, amtliche Überwachung, gezielte Aktionen, privatwirtschaftliche Kontrollen, konsequenter Informationsaustausch und ein wachsendes Verbraucherbewusstsein – dieses Gesamtsystem ist ein wirkungsvolles Instrument, um Lebensmittelbetrug kleinzuhalten. Zudem schaffen Zertifizierungen wertvolle Transparenz über die Qualitätsfähigkeit von Lieferanten.“Im Jahr 1866 als Dampfkesselrevisionsverein gegründet, ist TÜV SÜD heute ein weltweit tätiges Unternehmen. Rund als 30.000 Mitarbeitende sorgen an über 1.000 Standorten in rund 50 Ländern für die Optimierung von Technik, Systemen und Know-how. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, technische Innovationen wie Industrie 4.0, autonomesFahren oder Erneuerbare Energien sicher und zuverlässig zu machen. tuvsud.com/de
Posted by on 20. Mai 2026.
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