Entsteht die nächste Chip-Generation in Deutschland?

Ein deutsches Deep-Tech-Unternehmen gibt darauf eineüberraschende Antwort – mit einer Technologie, die manche bereits als\“Rocket Science made in Germany\“bezeichnen.
Die anabrid GmbH mit Sitz in Berlin sowie weiteren Standorten in Frankfurt und Ulm entwickelt Analog-Digital-Hybrid-Computer. Analoge Systeme rechnen nicht in Nullen und Einsen, sondern bilden physikalische Prozesse direkt ab. Was digital viele Rechenschritte erfordert, geschieht analog in einem kontinuierlichen Vorgang. Das ist ein Paradigmenwechsel. Denn viele reale Probleme – von Regelkreisenüber Simulationen bis hin zu Echtzeitsystemen – sind selbst analog. Sie lassen sich mit analogen Recheneinheiten erheblich schneller und energieeffizienter lösen.
Weltweit führend im analogen Computing
Die Rechensysteme des Unternehmens kommen derzeit vor allem in Forschung und Lehre zum Einsatz, wo komplexe dynamische Systeme modelliert und in Echtzeit simuliert werden. Weltweit haben sich inzwischen rund 175 Universitäten, vor allem in den USA, für diese Systeme entschieden und werden dort genutzt. Damit gilt anabrid heute als einer der weltweit führenden Anbieter im Bereich moderner analoger Rechner. Auch für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Ulm wurde ein Analogrechner entwickelt, der bereits die Lücke zwischen digitalen Rechnern und Quantencomputing schließt.
Das Unternehmen kombiniert die Leistung analoger Computer mit der Zugänglichkeit digitaler Systeme. Der 2024 vorgestellte Hybridcomputer\“Lucidac\“ist bei bestimmten Problemklassen um ein Vielfaches schneller als klassische digitale Rechner. Die derzeit in Tests befindliche dritte Generation des analogen Chips steigert diese Geschwindigkeit nochmals um den Faktor 1.000.
Disruption in der Chip-Entwicklung
Doch die eigentliche Disruption steckt in der Entwicklung und Fertigung eines programmierbaren Mikrochips. Der Chip enthält neuartige analoge CMOS-Bausteine und ist darauf ausgelegt, komplexe dynamische Systeme in Echtzeit abzubilden – bei minimalem Energieverbrauch. Das Interesse kommt aus Bereichen, in denen digitale Systeme zunehmend an ihre Grenzen stoßen: Industrieautomation, Robotik, Sensorik, Simulationoder energieeffiziente KI-Anwendungen im Bereich Edge Computing.
Build Your Own Chip
Mit diesem programmierbaren Hybridchip führt das Unternehmen zugleich ein neues Paradigma ein: Unternehmen sollen ihre Rechenarchitektur künftig selbst gestalten können.
Unter dem Konzept\“Build Your Own Chip\“(BYOC) lässt sich der analoge Kern individuell konfigurieren und in digitale Systeme integrieren. Damit entsteht eine flexible Hybridplattform, die sich exakt an branchenspezifische Anforderungen anpassen lässt – von industriellen Regelkreisen über Medizintechnik bis hin zu autonomen Systemen. DieVorteile sind messbar: drastisch reduzierte Rechenzeiten bei bestimmten dynamischen Problemklassen, deutlich geringerer Energiebedarf, kompaktere Bauformen und ein reduzierter CO2-Fußabdruck. Die Pilotphase läuft bereits. Die Markteinführung ist für Ende des Jahres vorgesehen.
Baustein einer souveränen Mikroelektronik
In einer Zeit, in der Deutschland und Europa im Rahmen ihrer Mikroelektronik-Strategie verstärkt auf technologische Souveränität und eigene Chipkompetenz setzen, bekommt dieser Ansatz zusätzliche Bedeutung. Er setzt ein radikales industriepolitisches Signal: Hybridchips\“made in Germany\“stehen nicht nur für Schnelligkeit und Effizienz, sondern für strategische Handlungsfähigkeit. Es entsteht ein alternatives Modell für Computing – kompakt und souverän. Vielleicht liegt der nächste Fortschritt im Computing deshalb nicht im immer größeren Rechenzentrum, sondern im intelligenteren Chip. Und der könnte künftig aus Berlin kommen.
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