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Eine kapitale Schenkung: weiblicher, politischer und globaler

 

Die Globalisierung macht auch vor Museen nicht halt, ganz im Gegenteil: Die signifikante Öffnung für globale Themen und Kunst-Welten ist sogar eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Umso glücklicher darf sich das Kunstmuseum Wolfsburg schätzen, dass der Sammler Durjoy Rahman sich bereit erklärt hat, dem Museum eine der zentralen Arbeiten der derzeit laufenden Ausstellung \“Facing India\“ und noch dazu ein Schlüsselwerk der Künstlerin Mithu Sen – das MOU (Museum of Unbelongings) – zu schenken. Ein Künstlermuseum hält so dauerhaft Einzug ins Kunstmuseum – gerade rechtzeitig vor dem Jubiläum \“25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg\“ 2019.

Als erste deutsche Institution überhaupt nimmt das Kunstmuseum Wolfsburg eine Arbeit der indischen Künstlerin Mithu Sen in seine Sammlung auf und kommt damit der von Direktor Ralf Beil bei seinem Amtsantritt formulierten Vision, das Kunstmuseum Wolfsburg und seine Sammlung \“weiblicher, politischer und globaler\“ zu positionieren, wieder ein Stück näher. \“Es ist außerordentlich in jeder Hinsicht, dass ausgerechnet ein Sammler von der anderen Seite der Weltkugel uns diesen Herzenswunsch erfüllt und mit seiner Schenkung dafür sorgt, dass die für unser Haus wichtige Ausstellung ,Facing India\“ auch in der Sammlung nachhaltig verankert wird\“, so Ralf Beil zur Schenkung.

Ermöglicht wird das großzügige Kunstgeschenk durch den aus Bangladesch stammenden Kunstsammler Durjoy Rahman. Auch hier ist Globalisierung längst Realität: Nicht mehr nur Sammler*innen aus Hamburg, Wolfsburg, Köln oder Berlin, sondern eben auch aus Istanbul und Dhaka schätzen das Kunstmuseum Wolfsburg als Ort fundamentaler Auseinandersetzung mit Kunst und Leben und sind deshalb bereit, das Kunstmuseum maßgeblich in seiner Sammlungsarbeit zu unterstützen. Dies ist umso wichtiger, da auch die private Stiftung des Kunstmuseums Wolfsburg wie viele öffentliche Museen kaum noch über eigene Mittel zur Sammlungserweiterung verfügt und deshalb mehr denn je auf mäzenatische Gesten wie die von Durjoy Rahman angewiesen ist.

Mithu Sens MOU (Museum of Unbelongings) ist noch bis 7. Oktober 2018 im Rahmen von \“Facing India\“ in der großen Ausstellungshalle des Kunstmuseums Wolfsburg zu erleben. Danach wird die Rauminstallation ins Obergeschoss transferiert werden und ab 24. März 2019 integraler Bestandteil der großen Sammlungsausstellung zum Jubiläum \“25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg\“ sein. Erstmals wird dann das ganze Haus ausschließlich der Sammlung vorbehalten sein und von der Qualität und Intensität der hier seit 1994 gesammelten Kunst nach 1968 zeugen. Neben Schlüsselwerken von Nobuyoshi Araki, Christian Boltanski, Rebecca Horn, Jeff Koons, Bruce Nauman, Elizabeth Peyton und Luc Tuymans werden dann erstmals auch zahlreiche weitere Schenkungen und Neuerwerbungen der letzten drei Jahre präsentiert werden: darunter Werkgruppen und Rauminstallationen von Gauri Gill, Pieter Hugo, Prajakta Potnis, Sam Taylor-Johnson und Thomas Zipp.

DIE KÜNSTLERIN, IHR WERK UND IHR MUSEUM

Die indische Künstlerin Mithu Sen (*1971 in Westbengalen, lebt in Neu-Delhi) setzt ihre eigenen Regeln und entzieht sich jeder Kategorisierung. Für ihre allumfassende Revolte hat sie das Präfix \“un\“ gewählt, das Geschehnisse oder Aussagen gleichzeitig immer schon wieder aufhebt: (un)becoming, (un)home, (un)construct, (un)mything – bis hin zu (un)mithu.

In ihrem Drang zur Entregelung und Entgrenzung zerlegt Mithu Sen jedoch nicht nur Sprache in ihre Bestandteile, um sie dann wieder neu zusammenzusetzen. Der bevorzugte Ort ihrer Reflexion ist der Körper. In ihren Bildern, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen überlagern sich weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale, Blumen, Früchte, menschliche und tierische Elemente zu mitunter bizarren Hybriden. Universalien menschlicher und tierischer Existenz wie Haare, Knochen oder Zähne stellen nicht nur etablierte Hierarchien und Grenzen zwischen Geschlechtern infrage, sondern auch zwischen Ethnien, Kasten und Spezies. Mit der Radikalität ihrer Bildsprache bricht sie nicht selten Tabus. Ihr Auflösungswille reicht jenseits körperlicher Manifestationen bis hin zur Institutionskritik.

So schafft Mithu Sen mit ihrem MOU (Museum of Unbelongings) die Idee eines fundamental demokratischen Museums der marginalisierten Dinge, das gänzlich ohne Labels und Hierarchien auskommt. Alle Gegenstände haben den gleichen Wert – eine Metapher für eine egalitäre, grenzenlose Welt oder, wie sie selbst es formuliert: \“Es ist ein Karneval, die Vorstellung einer Welt, die noch nicht existiert …\“

Die Rundform von Mithu Sens \“Museum\“ erlaubt den Betrachtern, es zu umkreisen und die einzelnen Objekte in ihren Details und Eigenheiten zu erfassen: als Tagebuch, Erinnerungsort, Spielfeld, als Gegenstände von Leidenschaft, Paradoxie, Behagen und Unbehagen sowie als Pars pro Toto für alles Ungesehene, Unberührte, Unbekannte. Nicht um die Entschlüsselung persönlicher Geschichten, die die Künstlerin im MOU (Museum of Unbelongings) verborgen haben könnte, geht es Mithu Sen, sondern darum, dass die Betrachter*innen ihre eigene Geschichte und Gegenwart in diesem Pluriversum entdecken. Mithu Sen gibt bewusst keine Bedeutung vor. Ihre Vorstellung des Archivs beruht subversiv auf dem Sammeln von Sinneseindrücken und Gefühlen, die, manifestiert durch diverse Dingwelten, vom Unterbewusstsein gesteuert werden und gerade nicht durch Kultur oder erlerntes Wissen belastet sind.

Kaum zufällig widmet Till Briegleb der Arbeit von Mithu Sen in seiner \“Facing India\“-Rezension, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Juni 2018, seinen Schlussabsatz: \“Es bleibt sogar Platz für etwas Optimismus in diesem Forum aufklärerischer Kunst. Mithu Sens MOU (Museum of Unbelongings) ist ein großer gläserner Vitrinenring für die merkwürdigsten Skulpturen und Objekte, die von der Künstlerin Zeit ihres Lebens gesammelt wurden. Die kuriose Familie der seltsamsten Objekte ist das utopische Abbild einer Gesellschaft, in der Unterschiedlichkeiten und Eigenheiten Qualitäten des Zusammenlebens sind – wenn auch hier noch unter Laborbedingungen hinter Glas. In den vielen Statements dieser künstlerisch sehr überzeugenden Demonstration für mehr Gerechtigkeit ist dieser Abschluss das Mantra \“I have a dream\“. Und das macht diese Ausstellung endgültig rund.\“

DER SAMMLER

Der großzügige Schenker, der in Dhaka, Bangladesch, lebende Unternehmer und Sammler Durjoy Rahman, plant derzeit unter dem Namen \“Durjoy Bangladesh\“ die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung zur Förderung insbesondere von Kunst aus Südasien.

Mithu Sen

MOU (Museum of Unbelongings), 2018

Rauminstallation

Bearbeitete und gefundene Objekte in Glasvitrine, Leuchtkörperkreis

Durchmesser 360 cm

Kunstmuseum Wolfsburg, Schenkung Durjoy Rahman, Bangladesch

Posted by on 27. September 2018.

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Categories: Bilder, Kunst & Kultur

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