Dating-Plattformen sind heute Spielautomaten

Eine Geisterstadt der Gefühle macht Marincolo aus, die sich aufs Coaching von weiblichen Singles spezialisiert hat. Die Menschen seien erschöpft, verunsichert und lustlos geworden. Die meisten würden immer noch von einer erfüllenden Partnerschaft träumen, doch wer date wie vor zehn Jahren, der werde allein bleiben. Marincolo macht das an ihren Erfahrungen aus ihrer täglichen Beratungs-Praxis fest:\“Echte Romantik und Verbindlichkeit gibt es noch, doch beides verbirgt sich inzwischen unter all den Angeboten, die in Wahrheit keine sind.\“
Von einem Dopamin-Kick zum nächsten
Online-Dating war von Anfang an wie Online-Shopping. Unendliche Auswahl und kein Druck, sich schnell entscheiden zu müssen. Zu Beginn waren die Menschen vor allem neugierig und viele erreichten ihr Ziel, weil alle dasselbe wollten. Heute dagegen, so Marincolo, habe sich der Umgang mit Dating-Plattformen radikal verändert. Diese würden genutzt wie Spielautomaten für den schnellen Dopaminkick. Das Online-Dating-Gefühl von einst sei einer reinen Sucht- und Belohnungsdynamik gewichen.\“Und das hat eine Menge mit den Krisen zu tun, denn die lassen uns gierig nach Ablenkung suchen.\“
Klar, die Auswahl an potenziellen Partnern ist noch immer riesig. Die Leichtigkeit aber, die Freude am Entdecken, die seien verschwunden, sagt die Expertin. Profi-User hätten sich auf den Plattformen breitgemacht, die alle psychologischen Kniffe beherrschen, um sich Selbstbestätigung und Endorphine abzuholen. Oft planen sie überhaupt nicht, sich in der realen Welt zu treffen – und wenn doch, dann geht es nur um körperliche Befriedigung. Ergo: Die Plattformen sind voll mit Menschen ohne ehrliche Absichten. Dating ist zum Betäubungsmittel gegen Krisen und innere Leere geworden.
Blabla im Profil führt nicht weiter
Wie da die Nadel im Heuhaufen finden? Weil sie schon so viele negative Erlebnisse beim Dating hatten und die Angst vor Ablehnung groß ist, verstecken sich laut Marincolo viele Frauen hinter generischen, austauschbaren Profilen. Sie drückt das so aus:\“Ihre Texte sind wie Maschendrahtzäune, die von ihren inneren Bodyguards geschrieben wurden.\“Diese Beschützer flüsterten den Frauen ins Ohr:\“Wenn du dich nicht richtig zeigst, kannst du auch nicht getroffen werden. Wenn du nicht getroffen wirst, tuts nicht richtig weh. Bleib doch lieber allein.\“
Austauschbare Sätze aber lassen keine Tiefe entstehen, wirken alles andere als magnetisch. Marincolo:\“Ein Mann mit Substanz scrollt bei so einem verbalen Blabla sofort weiter, weil er keine Persönlichkeit dahinter spürt.\“Er suche Echtheit, erkenne jedoch nur eine Fassade. Positiv auffallen tut dagegen die Frau, die etwas von sich preisgibt. Sie zieht Männer an, die nicht auf Maskerade und schnelle Dopamin-Infusionen stehen. Sie nutze, so Marincolo damit die Krise, um ihre Kräfte zu entfalten, während andere jammern.\“Diese Frau wird eine Gewinnerin sein und die Matches abgreifen, hinter denen Männer stehen, die ebenso authentisch sind wie sie selbst.\“
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