China: Schwache Binnennachfrage, geopolitische Spannungen und ein anhaltender Handelskrieg dürften Konjunkturabschwächung beschleunigen

Auf einen Blick
Starke, wenngleich nachlassende Exportergebnisse tragen in diesem Jahr zu einem offiziellen BIP-Wachstum von nahezu 5 % bei.
Hohe US-Handelszölle, geopolitische Spannungen, anhaltend schwache Binnennachfrage und eine abflauende Weltkonjunktur verschlechtern Chinas Aussichten.
Ein Handelsabkommen zwischen den USA und China wäre zwar möglich, bliebe aufgrund der strategischen Rivalität jedoch von Volatilität und Unsicherheit geprägt.
Chinas weltweites Ansehen sowie Exporte und Investitionen in den globalen Süden werden von der aggressiven und transaktionalen US-Außenpolitik profitieren.
Die Länderrisikobewertungen bleiben in absehbarer Zukunft unverändert.
Pro
Politische und innere Stabilität
Hohes Staatsvermögen
Hoch entwickelte Hightech-Branche und Weltmarktführer in Clean-Tech-Handelsketten
Kontra
Konfliktgeladene Rivalität mit den USA
Hohe Staatsverschuldung
Bevölkerungsrückgang
Staatsoberhaupt und Generalsekretär der Kommunistischen Partei
Präsident Xi Jinping
Regierungschef
Ministerpräsident Li Qiang
Bevölkerung
1,409 Milliarden
BNE pro Kopf
13.660 USD
Einkommensgruppe
Hohes mittleres Einkommen
Hauptexportgüter
Fertigwaren wie Telefone, IKT-Produkte, Autos, Elektrofahrzeuge etc. (79 % der gesamten Leistungsbilanzeinnahmen), Anlageerträge (6,8 %), Transport (2,7 %), sonstige Unternehmensdienstleistungen (2,6 %) und Nahrungsmittel (2,1 %)
Starker Exportanstieg schafft Resilienz trotz schwacher Binnennachfrage und Deflationskräften
Die unverändert schwache Binnennachfrage wirkt sich verschärfend auf den strukturellen Abschwung der chinesischen Ökonomie aus, während die Unsicherheiten in der Weltwirtschaft zusätzlichen Gegenwind für den chinesischen Export bedeuten, der weiterhin den wichtigsten BIP-Wachstumstreiber darstellt. Das Staatsziel der Autarkie und der weltweiten Führung im Hightech-Bereich hat bei chinesischen Unternehmen zu einer weit über die Inlandsnachfrage hinausgehende Überproduktion von Gütern geführt (insbesondere bei Elektrofahrzeugen, Akkus und anderen nachhaltigen Technologien), die durch Export in den Rest der Welt (USA ausgenommen) abgebaut wird. Obwohl die Überkapazitäten in der Industrie dank der daraus resultierenden Wettbewerbsfähigkeit und technologischen Stärke Vorteile für China schaffen, hat der aggressive Preiskampf die Deflationsspirale im Landverschärft und das Thema politisiert. Die Wachstumsfaktoren des Landes stecken seit 2022 in einer Krise; zu nennen sind hier etwa die anhaltend pessimistische Stimmung auf dem Immobilienmarkt (Transaktionen und Immobilienpreise befinden sich weiterhin im Abwärtstrend), das schwache Geschäfts- und Konsumklima (Privathaushalte legten ihr Geld vorrangig in Immobilien an) sowie die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die sich negativ auf den Privatkonsum, Unternehmensinvestitionen und letztlich auf die Inlandspreise auswirkt.
Angesichts der sich negativ entwickelnden oder stagnierenden Verbraucherpreise scheint es keinen unmittelbaren Ausweg aus dieser Deflationsspirale zu geben, es sei denn, Peking bringt ein umfangreiches Konjunkturpaket auf den Weg, was derzeit aufgrund der politischen und finanziellen Lage sowie aus Gründen der haushaltspolitischen Stabilität nicht absehbar ist. Bisher setzt Peking auf unterstützende politische Maßnahmen, die geprägt sind von einer akkommodierenden Geldpolitik und einigen fiskalischen Anreizen, wie den in diesem Jahr eingeführten Verbraucherbeihilfen für Haushalts- und Elektrogeräte sowie für Autos. Doch angesichts der anhaltenden Verschlechterung der Haushaltslage – für 2025 wird ein hohes Haushaltsdefizit von über 8 % erwartet, das den prognostizierten Aufwärtstrend der offiziellen Staatsverschuldung von unter 60 % des BIP in der Vor-Corona-Zeit auf über 100 % im Jahr 2026 verschärft – schränkt die Regierung ihre Unterstützung weiter ein, um finanzielle Tragfähigkeit zu gewährleisten und die Ausweitung der erheblichen Staatsverschuldung (338 % des BIP im zweiten Quartal von 2025) zu entschärfen. Zu den Regierungsmaßnahmen gehören unter anderem erhöhte Investitionen in die Infrastruktur, unter Einsatz von Staatsanleihen mit sehr langen Laufzeiten, sowie Haushaltsreformen, die insbesondere auf die Diversifizierung der Einkünfte von angeschlagenen Lokalregierungen abzielen. Weiterhin wird erwartet, dass die Regierung Schritte zur Reduzierung der Überkapazitäten in der Industrie ergreift, was die Gefahr des fortschreitenden Niedergangs des verarbeitenden Gewerbes sowie der Schwächung des BIP-Wachstums in sich birgt. Vorerst wird Peking zur Stärkung des BIP-Wachstums, das gemäß IWF-Prognosen 2025 bei 4,8 % und 2026 bei 4,2 % liegen wird, weiterhin auf Exporte und Investitionen setzen. Angesichts der Aussicht, dass das BIP-Wachstum in diesem Jahr ungeachtet eines für die kommenden Monate erwarteten Exportrückgangs nahezu 5 % erreichen wird, dürften die Behörden kaum gewillt sein, wirtschaftsfördernde Maßnahmen zu ergreifen, die über moderate Anreize hinausgehen, zumal die USA und China schon innerhalb weniger Monate ein Handelsabkommen schließen könnten.
Trotz des US-Handelskriegs und der Drohung immenser Zölle auf chinesische Importe – die im Zuge der Ende November auslaufenden Übergangsphase auf 30 % reduziert wurden – weist der Export seit dem zweiten Halbjahr 2024 eine kräftige Entwicklung auf. Die Beschleunigung von Warenexporten („Front-loading“) sowie die Umlenkungvon Ausfuhren auf Nicht-US-Märkte (zunächst nach Südostasien, dann nach Europa) haben die starke Dynamik aufrechterhalten. Auch die Abwertung des unterbewerteten Renminbi gegenüber insbesondere dem Euro, der Währung eines bedeutenden Handelspartners, sowie einigen anderen südostasiatischen Währungen, hat chinesischen Exporteuren einen Wettbewerbsvorteil verschafft.
Verhaltener Ausblick
Die Entscheidung der kommunistischen Partei, den Binnenkonsum nicht zum Treiber der chinesischen Wirtschaft zu machen, bedeutet, dass das Land in einem ungewissen globalen Umfeld weiterhin von volatileren Exportmärkten abhängig bleibt. Zwischen Januar und August sind chinesische Warenexporte in die USA um 15 % zurückgegangen. China steht nun nicht nur vor der schwierigen Aufgabe, den US-Verbrauchermarkt, der weltweit den ersten Platz belegt, durch alternative Abnehmer zu ersetzen, sondern es wird auch potenzielle hohe US-Zölle auf „umgeleitete chinesische Waren“ überstehen müssen. Darüber hinaus sieht China sich mit Handelsbeschränkungen einer wachsenden Gruppe von Ländern wie Thailand, Indonesien, Indien, Vietnam und Brasilien konfrontiert, die angesichts der Flutan chinesischen Waren ihre heimische Industrie schützen möchten. Hinzu kommt die abflauende Weltkonjunktur, die ebenfalls zur Eintrübung der Exportaussichten beiträgt.
Balanceakt in geschwächten außenpolitischen Umfeld
Der in diesem Jahr begonnene US-Handelskrieg hat den Welthandel in Turbulenzen gestürzt, wobei China mit besonders hohen Zöllen belegt wurde. Auch wenn beträchtliche zusätzliche Zölle gegen China angesichts seiner erheblichen Machtposition, insbesondere bei kritischen Mineralien, sowie zur Ermöglichung von Verhandlungen vorerst ausgesetzt wurden, dürften die Handelsbeziehungen unter der Regierung Trump weiterhin instabil bleiben. Kurzfristig ist ein Handelsabkommen jedoch nach wie vor möglich, da es gemeinsame Interessen gibt und die Folgen von Handelsbeschränkungen auf beiden Seiten abgefedert werden müssen. Angesichts der langfristigen strategischen Rivalität um die wirtschaftliche und technologische Vormachtstellung dürfte ein Abkommen allerdings von großer Volatilität geprägt sein. Folglich wird China sich auf die weitere Sicherung seiner Handelsketten (unter anderem von kritischen Mineralien) konzentrieren, indem es seine Märkte stärker diversifiziert. Außerdem wird es die Erreichung seiner Ziele bezüglich nationaler Autarkie, insbesondere in der Hightech-Branche, deutlicher forcieren. Dabei setzt Peking auf den Privatsektor, und neu angezogene ausländische Direktinvestitionen sollen zur Schaffung einer Selbstversorgungswirtschaft beitragen. Gleichzeitig könnten zunehmende Handelsbeschränkungen und die politische Überwachung von in China tätigen ausländischen Unternehmen in Kombination mit den angespannten Beziehungen zu den USA und zum Westen die Erholung von ADI-Zuflüssen erschweren.
Chinas Interessensverlagerung hin zum Globalen Süden wird im Zuge der „Belt and Road“-Initiative zu einem Anstieg an Ausfuhren und Investitionen führen. Dies entspricht dem Ziel Chinas, eine neue Weltordnung anzuführen, und ist auch die Folge der US-Handelszölle und eines radikalen Kurswechsels in der US-Außenpolitik. Soist zu beobachten, dass Trumps aggressive und transaktionale Außen- und Zollpolitik, sowie die harten Einschnitte im USAID-Budget rasch in Chinas Soft-Power-Strategie integriert werden. Es umwirbt die Opfer der US-amerikanischen Handels- und Entwicklungspolitik (Südostasien, Brasilien, Subsahara-Afrika etc.) und verspricht ihnen eine stabilere, berechenbarere und für beide Seiten nutzbringende Beziehung, die Chinas Einfluss und globales Wirtschaftsnetzwerk festigen und seinen Zugang zu kritischen Mineralien langfristig sichern soll. Als Alternative zur Unberechenbarkeit der US-Politikund den Turbulenzen des globalen Wirtschaftsklimas erleben die chinesischen Aktienmärkte dieses Jahr einen wahren Boom. In- und ausländische Investoren zeigen steigendes Interesse an Chinas makroökonomischer Resilienz, die auf seiner beträchtlichen externen Liquidität, den soliden Staatsbanken, einem komfortablen Leistungsbilanzüberschuss sowie auf politischer Stabilität und Kontinuität beruht. In Kombination mit der innovativen Wirtschaft und den boomenden KI-Aktivitäten führt dies dazu, dass China sich dem US-Niveau immer weiter annähert und in manchen Fällen sogar gleichziehen kann.
Die Risikobewertungen bleiben auf absehbare Zeit unverändert: So wird das kurzfristige politische Risiko dank der reichlichen Liquiditätsversorgung weiterhin in der besten Kategorie 1/7 eingestuft und das Geschäftsumfeldrisiko verbleibt in der moderaten Kategorie D/G. Das mittel- bis langfristige politische Risiko wird in Kategorie 2/7 eingestuft, da die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt trotz ihrer starken globalen Finanz-, Wirtschafts- und Handelsposition mit erheblichem externen Gegenwind und innenpolitischen Herausforderungen zu kämpfen hat. Chinas selbstbewusstes Auftreten in der Region, das das Konfliktrisiko mit Taiwanund im Südchinesischen Meer erhöht, seine Rivalität mit den USA um die globale Vormachtstellung, sowie Chinas überwältigende Fertigungsindustrie tragen zu einer Verschärfung der hohen geo- und handelspolitischen Spannungen bei – vorrangig mit den USA, aber auch mit der EU. Innenpolitisch wird die Lage weiterhin von zentralen systemischen Herausforderungen erschwert, die vor allem von einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung, hohen Schulden und den Folgen des Klimawandels verursacht werden.
Analyst: Raphaël Cecchi – r.cecchi@credendo.com
Categories: Allgemein
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