Bildungssicherheit entsteht nicht in Haushaltsplänen – sondern in Klassenräumen

Während in Mecklenburg-Vorpommern über Zielvereinbarungen, Finanzierungsvorbehalte und Planungssicherheitan Hochschulen gestritten wird, beginnt Bildungssicherheit an einem ganz anderen Ort: deutlich früher – und deutlich leiser.
Sie beginnt weder in Ministerien noch in Haushaltsausschüssen. Sie beginnt in Klassenzimmern.
Gerade für Kinder und Jugendliche entscheidet sich hier, ob Lernen als Pflicht erlebt wird – oder als sinnstiftende Erfahrung, die Verantwortung, Motivation und Gemeinschaft fördert.
Die aktuelle bildungspolitische Debatte zeigt, wie stark Bildung und Ausbildung noch immerüber Strukturen, Verträge und Steuerungslogiken gedacht werden – und wie selten über die Frage, wie Lernen tatsächlich funktioniert.
In Waren (Müritz), Malchin und Sellin wird seit einiger Zeit sichtbar, was Bildung bewirken kann, wenn sie nicht verordnet, sondern erlebt wird.
Von Konzert zu Konzert, von Ziel zu Ziel – ein Prozess, der trägt
Am Beispiel Malchin lässt sich dieser Ansatz besonders gut nachvollziehen:
Die _Königskinder aus Waren (Müritz)_ – eine Kinder- und Jugendband, die 2024 aus genau diesem Prozess entstanden ist – spielt ein kurzes Konzert vor den Schülerinnen und Schülern der 8. und 9. Klassen der beiden weiterführenden Schulen in der Lindenhalle Malchin.
Auf der Bühne stehen Keyboard, Gitarre, Bass, Gesang, Drums, Percussion und Technik – und ganz bewusst Instrumente, die nicht gespielt werden. Weil die Spielerinnen und Spieler noch fehlen.
Die Botschaft ist einfach:
Wir haben ein Ziel.
Am 9. Juli 2026 wollen wir mit einer großen Band auf dem Marktplatz Malchin stehen.
Dafür brauchen wir euch.
Wer Lust hat, trägt sich ein. Wunschinstrument genügt.
Die Teilnahme ist kostenfrei, Instrumente werden gestellt.
Einzige Voraussetzung: die Fähigkeit, bis vier zu zählen – egal, in welcher Sprache.
Erfahrungsgemäß melden sich rund zehn Prozent eines Jahrgangs. Das sind etwa 25 Jugendliche – der Kern der _Königskinder Malchin_.
Der Trichter der Verantwortung: Wie systeminterne Leader entstehen
Was folgt, ist kein Workshop und kein Projekt\“von außen\“, sondern ein klar strukturierter Lernprozess, der Verantwortung Schritt für Schritt dorthin verlagert, wo sie wirkt: zu den Jugendlichen selbst.
In den ersten Wochen erarbeiten die neuen Königskinder drei Musikstücke.
Diese spielen sie anschließend den 7. Klassen vor – mit derselben Einladung.
Der entscheidende Punkt:
Neue Inhalte werden erst dann weitergegeben, wenn dieälteren Schülerinnen und Schüler den Jüngeren erfolgreich vermittelt haben, was sie selbst gelernt haben. Sie übernehmen die Rolle von Lehrenden, Coaches oder erfahrenen Musikerinnen und Musikern. Nicht, weil sie müssen – sondern weil sie es wollen.
Wissen wird vorgelebt statt präsentiert. Kompetenz entsteht durch freiwillige Rollenübernahme – nicht durch Anweisung.
Nach weiteren Wochen spielen rund 50 Jugendliche vor den 5. und 6. Klassen.
Wieder werden Rollen weitergegeben. Wieder wächst Verantwortung.
Eine Woche vor dem Abschlusskonzert organisieren beide Schulen gemeinsam eine Projektwoche. Alle Rollen werden selbst besetzt:
Onstage:
Drums, Percussion, Bass, Gitarre, Keyboard, Gesang, Bläser, Tanz
Offstage:
Technik, Roadies, Sicherheit, Sanitäter, Organisation, Marketing, Catering, Streitschlichtung
Wer führt? Nicht immer die Braven.
In diesem Prozess zeigen sich nahezu immer dieselben Muster:
Systeminterne Leader (SiL) sind entweder besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler –
oder jene, die zuvor als\“schwierig\“galten: Rückzug, Aggression, ADHS, Schulverweigerung oder Radikalisierung.
Warum gerade sie?
Weil sie früh erleben, dass sie gebraucht werden.
In einer Band ist man voneinander abhängig. Es macht keinen Sinn, den Schlagzeuger auszugrenzen – denn ohne Schlagzeug gibt es keine Band. Und es macht keinen Sinn einen Sanitäter auszugrenzen – denn ohne ihn sind alle\“aufgeschmissen\“. Dass dieses Prinzip für alle Rollen gilt wird nicht im Unterricht erklärt, in Klassenarbeiten abgefragt und im Nachgang zensiert sondern einfach erfahren.
Konflikte werden nicht moralisch bewertet, sondern funktional gelöst.
So wird Macht durch Wirksamkeit ersetzt, Kontrolle durch Verantwortung und Moral durch Einsicht.
Wer einmal erlebt hat, dass der eigene Beitrag entscheidend ist, verliert das Interesse an Mobbing, Abwertung oder Gewalt – nicht aus Anstand, sondern aus Verständnis.
Je früher Kinder und Jugendliche diesen Prozess durchlaufen, desto tiefer verankert sich das Wissen:
Lernen, Verantwortung und Gemeinschaft gehören zusammen.
Nach Projektende entstehen häufig eigene Bands, Initiativen oder Gruppen.
Vor allem aber entsteht etwas viel Grundlegenderes: Verbindung.
Was das mit Landespolitik, Ausbildung und Fachkräften zu tun hat
Wenn heuteüber Fachkräftemangel, Ausbildung, Demokratieverdrossenheit und gesellschaftliche Spaltung gesprochen wird, liegen die Ursachen nicht in fehlenden Gesetzen oder Zielvereinbarungen – sondern in fehlenden Erfahrungsräumen.
Bildungssicherheit ist noch nie durch Versprechen entstanden. Sie entsteht dort, wo junge Menschen erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat und Verantwortung Konsequenzen trägt.
Am 10. Januar 2026 zeigen die _Königskinder Waren_ beim Warener Musikantentreff im Seehotel Ecktannen, was aus solchen Prozessen wächst.
Am 9. Juli 2026 folgt das Abschlusskonzert in Malchin.
Am 12. September 2026 kommen Jugendliche aus mehreren Städten Mecklenburg-Vorpommerns zum gemeinsamen Finale im Schloss Vietgest zusammen.
Nicht als Programm, sondern als gemeinsames Ergebnis.
Fazit
Mecklenburg-Vorpommern braucht keine lauteren Debattenüber Bildung und Ausbildung.
Es braucht mehr Orte, an denen Bildung funktioniert, denn nicht Verwaltung schafft Bildungssicherheit – sondern hautnah erlebte Verantwortung.
Über die Autorin
Sandra Weckert lebt in Waren (Müritz) und arbeitet als Leadership-Expertin, Speakerin und Keynote-Speakerin im Bereich Bildung, Ausbildung sowie Kinder und Jugendliche.
In ihren Vorträgen, Keynotes und Workshops zeigt sie, wie Lernen, Führung und Zusammenarbeit tatsächlich entstehen – jenseits von Programmen, Zielvereinbarungen und Verordnungen.
Mit dem Projekt\“48 Könige\“schafft sie in Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus Erfahrungsräume, in denen junge Menschen Demokratie, Verantwortung und Zusammenarbeit praktisch erleben.
Categories: Allgemein
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