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BERLINER MORGENPOST: Bahn frei für E-Tretroller / Leitartikel von Tobias Kisling

Kräftig Anschwung nehmen, sich abstoßen und bequem
bis zum nächsten Bahnhof rollen. Dort das handliche Vehikel
zusammenklappen, es mit in den Zug nehmen und in der Stadt die
letzten Meter zum Arbeitsplatz erneut rollend zurücklegen:
E-Tretroller können für viele Berufspendler eine Erleichterung im
Alltag darstellen. Aber nicht nur für Städter sind die E-Scooter
interessant. Auch für kürzere Distanzen in ländlichen Gebieten, in
denen gerne das Auto genutzt wird, beispielsweise für die Fahrt zum
Bäcker, eignen sich die Roller.

Jeder verkaufte E-Tretroller ist ein kleiner Schritt für die
Verkehrswende in Deutschland, hin zu einer umweltfreundlicheren und
staufreieren Verkehrssituation. Mit der Freigabe der zweirädrigen
Flitzer durch die Länder im Bundesrat ist es aber nicht getan. Jetzt
geht es um die konkrete Ausgestaltung der Sicherheit.

Denn klar ist auch: Die Sorgen müssen ernst genommen werden.
Genauso wie Fahrräder haben E-Scooter auf Gehwegen nichts verloren,
Roller gehören auf Radwege. Rad- und E-Tretrollerfahrer werden sich
aneinander gewöhnen. Daher wäre es auch absurd, allein aus Angst die
Scooter nicht zuzulassen. Die Bereitschaft der Deutschen zur
Verkehrswende ist hoch. Das Fahrrad gewinnt immer mehr an Beliebtheit
und einer jüngsten Verivox-Umfrage zufolge könnte sich jeder Vierte
vorstellen, einen E-Tretroller zu kaufen. Umweltbewusster Verkehr
wird unterstützt. Dieser Unterstützung von staatlicher Seite einen
Dämpfer zu verpassen, wäre ein fatales Signal – besonders im Hinblick
auf das Verfehlen der Klimaziele.

Bund und Länder sollten sich nun schleunigst damit beschäftigen,
wie sie Rad- und Rollerfahrern sichere Verkehrswege gewährleisten
können. 25 Millionen erhalten die Länder jährlich vom Bund an
Finanzhilfen für den Bau von Radschnellwegen. Zum Vergleich: Allein
die dänische Hauptstadt Kopenhagen investierte im vergangenen
Jahrzehnt durchschnittlich 15 Millionen Euro pro Jahr für den Ausbau
ihrer Radwege. Mittlerweile ist in Kopenhagen die Hälfte der Pendler
mit dem Fahrrad unterwegs. Auch niederländische Städte wie Amsterdam
und Utrecht oder die norwegische Hauptstadt Oslo haben hohe Summen in
den Ausbau ihrer Radnetze investiert. In Deutschland sind die
finanziellen Bemühungen dagegen bislang vielerorts ungenügend. Die
Zahlen zeigen: Es braucht einen finanziellen Kraftakt – einerseits
bei den Radwegen, andererseits aber auch im öffentlichen Nahverkehr,
der reibungsfrei funktionieren muss. Der Bund und die Länder müssen
dies deutlich stärker fördern. Auch braucht es klare Regeln, wie mit
den Rollern nach der Benutzung umgegangen wird. Hier hat Deutschland
ausnahmsweise einen Vorteil darin, dass es in puncto Verkehrswende
abgeschlagen ist, denn so kann es aus den Fehlern der anderen lernen.
In Paris musste beispielsweise jüngst ein Verhaltenskodex geschaffen
werden, da die E-Tretroller kreuz und quer geparkt worden. Solche
Probleme kann Deutschland regeln, noch bevor sie überhaupt auftreten.

Wirklich neu ist der Roller-Hype übrigens nicht. Schon nach der
Weltausstellung 2000 in Hannover gab es einen Ansturm auf
Mini-Klapproller, damals noch ohne Elektroantrieb. Der Hype war
allerdings schnell wieder vorbei. Zwei Jahre nach der Expo waren die
Roller weitestgehend aus dem Straßenbild verschwunden. Bund und
Länder sind gefordert, damit die E-Tretroller nicht dasselbe
Schicksal ereilt. Förderung der Infrastruktur ist ein zentraler
Schritt – der sowohl Rad- als auch Rollerfahrern hilft.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 – 878
bmcvd@morgenpost.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

Posted by on 16. Mai 2019.

Tags:

Categories: Politik & Gesellschaft

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