Bürokratie frisst Versorgung: BIV-OT fordert Investitionen in Hilfsmittel und klare Standards für eine funktionierende Ambulantisierung

Investitionen in Hilfsmittel seien Voraussetzung dafür, teurere stationäre Behandlungen, Komplikationen und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder zumindest zu verzögern, wie Joachim Glotz in seinem Impulsvortrag betonte.\“Die Ausgaben für die ambulante Hilfsmittelversorgung werden steigen. Und sie müssen steigen – wenn wir Versorgung aus der Klinik nach Hause verlagern wollen\“, sagte Orthopädietechnik-Meister Glotz.
Bundesgesundheitsministerin setzt auf Ambulantisierung und klare Strukturen
Die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken MdB unterstrich im Rahmen des Dialogs die gesundheitspolitischen Zielsetzungen der Bundesregierung:\“Ambulantisierung ist ein zentrales Ziel meiner Gesundheitspolitik. Damit Versorgung wohnortnah und effizient funktioniert, brauchen wir klare und verlässliche Strukturen. Das Bundesministerium für Gesundheit wird deshalb Regelungen auf den Weg bringen, die mehr Effizienz und Ordnung gewährleisten – bei gleichzeitiger Wahrung des solidarischen Prinzips.\“
Konservative Orthopädie stärken
Mit einem Blick auf bestehende Defizite in der Versorgungspraxis nannte Glotz konkrete Beispiele. Bei Kniearthrose und Rückenschmerzen werde das Potenzial der konservativ-technischen Versorgung bislang zu selten genutzt. Nur bei etwa der Hälfte der Versicherten werde vor einer Operation überhaupt ernsthaft versucht, die Mobilität zu verbessern. Nahezu jede zweite betroffene Person habe vor einer Operationweder Physiotherapie noch eine Mobilisation durch Bandagen oder Orthesen erhalten.\“Wenn nicht frühzeitig konservativ versorgt wird, wird es später teuer – für das System und für die Betroffenen\“, erklärte Glotz.
Vertragswirrwarr statt Versorgungssicherheit
Wie stark Bürokratie den Versorgungsalltag belastet, verdeutlichte der BIV-OT anhand konkreter Zahlen, die den Teilnehmern des Dialogs in einer\“Wundertüte\“mitüberraschenden Fakten zur Hilfsmittelversorgung in Deutschland überreicht wurden. Darin unter anderem enthalten: Wenn ein Sanitätshaus die Versicherten aller Krankenkassen in Deutschland mit Hilfsmitteln versorgen können möchte, muss es ca. 700 Versorgungsverträgen beitreten. DieseVerträge füllen 700 Ordner – exakt so viele, wie nötig sind, um die Fläche eines Fußballtors in Höhe und Breite zu bedecken.\“Das ist kein geordnetes Versorgungssystem. Das ist Verwaltungswahnsinn\“, sagte Glotz.
Auch im Alltag der Betriebe zeigt sich die Schieflage deutlich. Die Versorgung eines Patienten mit einer Kniebandage dauert durchschnittlich 22 Minuten, die zugehörige Verwaltung weitere 31 Minuten. Bei der Folgeversorgung mit einem medizinischen Kompressionsstrumpf fallen 44 Minuten Versorgung und 42 Minuten Verwaltung an. Für diese Versorgung müssen 14 bis 18 Dokumente erstellt und übermittelt werden.\“Beispiele wie diese zeigen: Wir investieren immer mehr Zeit in die Verwaltung und immer weniger in die Versorgung der Menschen\“, so Glotz.
Bürokratie verschärft den Fachkräftemangel
Er warnte vor den Folgen dieser Entwicklung:\“Hilfsmittel sind kein Kostentreiber. Sie sind ein zentrales Instrument, um Menschen mobil und vielfach in Arbeit zu halten und stationäre Versorgung zu vermeiden. Wenn wir hier sparen, zahlen wir später doppelt.\“Der Fachkräftemangel werde durch die Bürokratie zusätzlich verschärft: Auf 100 offene Stellen in der Orthopädie-Technik kommen derzeit nur 16 qualifizierte Arbeitssuchende.
Landtagskandidat fordert weniger Bürokratie
Mit Blick auf die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg erklärte Landtagskandidat Saschi Thavakkumar (CDU):\“Was wir heute gehört haben, ist ein Beispiel dafür, wie Bürokratie gute Versorgung und wirtschaftliche Vernunft zugleich ausbremst. Wenn wir Fachkräfte halten, Innovation ermöglichen und die Versorgung von Menschen sichern wollen, brauchen wir weniger Verwaltungsaufwand und mehr Vertrauen in qualifizierte Betriebe. Das ist eine zentrale Aufgabe der Landespolitik.\“
Standards statt Sonderwege
An diese Einschätzung knüpfte Alf Reuter, BIV-OT-Präsident und Mitglied des Präsidiums des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), in der anschließenden Diskussion an. Der BIV-OT habe gemeinsam mit dem Bündnis\“Wir versorgen Deutschland\“konkrete Vorschläge zur Absicherung der Hilfsmittelversorgung in Deutschland der Politik vorgelegt. Ziel sei ein deutlicher Bürokratieabbau durch klare Vorgaben für Qualifikation, Dokumentation und Genehmigungen, die Versorgung planbar machen und wirtschaftlich tragfähig halten.\“Wir brauchen für die Regelversorgung: Standardisierte Verträge und einheitliche Rahmenbedingungen. Dann fließt Geld in Versorgung – und nicht in Bürokratie\“, erläuterte Alf Reuter.
Der gesundheitspolitische Dialog in Stuttgart machte deutlich, dass eine erfolgreiche Ambulantisierung nur mit einer starken Hilfsmittelversorgung gelingen kann. Der BIV-OT wird den Austausch mit der Bundes- und Landespolitik fortsetzen
Pressekontakt:
Kirsten Abel
Pressesprecherin des Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik
Reinoldistr. 7 -9, 44135 Dortmund
Telefon: 01715608125
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Categories: Allgemein
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