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Artensterben stoppen! / Offener Brief an die Bundeskanzlerin anlässlich der 9th Trondheim Conference on Biodiversity vom 2.-5. Juli 2019 (FOTO)

 


Aus Anlass der in der kommenden Woche in Trondheim stattfindenden
Konferenz zur Biodiversität (9th Trondheim Conference on
Biodiversity) ruft eine Allianz von vier großen Organisationen
(Naturschützer, Forschungseinrichtungen und Museen) die
Bundeskanzlerin auf, den Kampf gegen das Artensterben zur Chefsache
zu machen. Das Thema sei gleichbedeutend wie der Klimawandel und
dieser nicht ohne Erhalt der Artenvielfalt aufzuhalten. Die
Frankfurter Zoologische Gesellschaft, die Campaign for Nature, das
Museum für Naturkunde Berlin sowie das Forschungsinstitut und
Naturkundemuseums Senckenberg, Frankfurt am Main veröffentlichen
einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin mit Forderungen zur Lösung
des Problems.

– Stoppen Sie das Artensterben und übernehmen Sie Verantwortung für
die Bewahrung der Lebensgrundlagen jetziger und zukünftiger
Generationen

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

am 6. Mai 2019 hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES
(Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and
Ecosystem Services) seinen Bericht zum globalen Zustand der
Biologischen Vielfalt der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Dieser
zeichnet ein erschreckendes und äußerst besorgniserregendes Bild von
der Zukunftsfähigkeit der Lebensgrundlagen jetziger und zukünftiger
Generationen, wenn nicht sofortige Entscheidungen und Maßnahmen zum
Erhalt der Biologischen Vielfalt national und international umgesetzt
werden. Es bestehen keine Zweifel mehr, dass sich die Menschheit
aufgrund des fortschreitenden Klimawandels sowie des rasanten
Verlustes der biologischen Vielfalt mit zwei existenziellen globalen
Krisen konfrontiert sieht. Diese werden dramatisch wachsende
wirtschaftliche, soziale und ökologische Folgen haben. So mahnt der
Weltbiodiversitätsrat deutlicher als je zuvor, dass wir an einem
kritischen Wendepunkt angelangt sind, der richtungsweisend für die
Zukunft der Menschheit ist und macht deutlich, dass 80% der
Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und zentrale Ziele des Pariser
Klimaschutzabkommens nicht erreicht werden, wenn nicht wirksame
Maßnahmen gegen den Verlust der Biologischen Vielfalt ergriffen
werden. Die Politik ist jetzt gefordert, das Gemeinwohl jetziger und
zukünftiger Generationen endlich und entschieden gegenüber
Partikularinteressen durchzusetzen.

Der Bericht kommt auch einer Bankrotterklärung der bisherigen
internationalen und nationalen Umweltpolitik gleich. Nach der
offiziellen Annahme der Convention on Biological Diversity (CBD) am
22. Mai 1992 in Rio de Janeiro hat sich die Umweltsituation weiter
dramatisch verschlechtert statt verbessert, wie völkerrechtlich
vereinbart. Auch die aktuelle CBD Strategie und die deutsche
nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt zeigen, dass die
Mehrzahl der gesetzten Ziele verfehlt werden. Seit dem 6. Mai ist es
unzweifelhaft, dass die bisher getroffenen Maßnahmen bei weitem nicht
ausreichen, um die Ursachen für den fortschreitenden Verlust an
biologischer Vielfalt wirksam zu adressieren. Der Mensch ist
verantwortlich für das sechste große Artensterben auf unserem
Planeten – mit immer bedrohlicher werdenden Konsequenzen für die
eigene Art.

Neben anderen Faktoren beruht diese ernüchternde Bilanz politisch
auf zwei Tatsachen:  

– Zum einen ist es nicht gelungen, das Thema Biologische Vielfalt
in der Landwirtschaftspolitik, Verkehrs- und Siedlungspolitik,
wichtigen Konsum und Produktionsprozessen sowie der
Entwicklungspolitik so zu integrieren, dass der Schutz der
Biodiversität als Querschnittsaufgabe wirksam umgesetzt wird.

– Zum anderen entsprechen die bisherigen Ziele nicht dem
transformativen Charakter, der vom Weltbiodiversitätsrat
empfohlen wird, um endlich eine wirksame Trendwende in den
Bemühungen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt sicherzustellen.

 Die Zeit drängt! Vor dem Hintergrund des IPBES Berichts verbleibt
nur ein enger Zeitrahmen, um sich in Vorbereitung auf die COP 15 der
CBD im Oktober 2020 auf neue ehrgeizige Ziele zum Schutz der
Biologischen Vielfalt bis 2030 zu einigen. Diese Ziele müssen die
konsequente Umsetzung der Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrates
widerspiegeln. Wir wenden uns anlässlich der am Dienstag nächster
Woche stattfindenden \“Ninth Trondheim Conference on Biodiversity\“,
auf der in Vorbereitung auf die COP 15 Lösungen zum Erhalt der
Biologischen Vielfalt diskutiert werden, an Sie als Bundeskanzlerin.

Als Reaktion auf IPBES Bericht erwarten wir von der deutschen
Bundesregierung vorrangig zwei Dinge:

1. Die Verabschiedung eines verbindlichen nationalen
Maßnahmenkataloges mit ausreichender Finanzierung, der den
Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrates zum Schutz der Biologischen
Vielfalt folgt und diese konsequent umsetzt;
2. Auf dieser Grundlage ein engagiertes und couragiertes
internationales Eintreten der Bundesregierung für die Vereinbarung
entsprechender 2030-Ziele auf der COP 15 im Oktober nächsten Jahres.
Deutschland kommt wegen seiner Wirtschaftskraft und aufgrund der
Tatsache, dass es auf der COP 15 die EU-Ratspräsidentschaft innehat,
eine wichtige Führungsrolle zu. Für die Verabschiedung einer
erfolgreichen CBD 2030 Strategie wird es daher entscheidend sein,
dass die Bundesregierung dieser Rolle gerecht wird und sich unter
Ihrer Führung:

– ressortübergreifend auf ehrgeizige nationale und internationale
Ziele und Positionen zum Schutz der Biologischen Vielfalt
verständigt,
– die wirksame Verankerung dieser Ziele und Positionen in allen
relevanten nationalen Sektoren und Politikbereichen
sicherstellt,
– die vereinbarten Ziele und Positionen in den Verhandlungen
innerhalb der EU, aber auch auf internationaler Ebene konsequent
vertritt,
– die sofortige Umsetzung der Empfehlungen des
Weltbiodiversitätsrates durch die CBD bis 2030 auf den kommenden
internationalen Gipfeln der G7 und G20 zu einem zentralen Thema
macht und sich mit Nachdruck dafür einsetzt.

Ihr persönliches Engagement und eine übergreifende Rolle des
Kanzleramtes erachten wir als unabdingbar. Beides ist notwendig, um
die Wichtigkeit und Dringlichkeit ambitionierter Ziele und Positionen
zu unterstreichen und zu verhindern, dass diese unterschiedlichen
ressortspezifischen Interessen und Streitigkeiten zum Opfer fallen.
Frau Bundeskanzlerin, Sie persönlich haben bereits in kritischen
Momenten der Umweltpolitik – wie nach der Nuklearkatastrophe von
Fukushima – unter Beweis gestellt, dass Sie wegweisende und
einschneidende Maßnahmen und Entscheidungen auf den Weg bringen
können, wenn das Wohl und die Sicherheit jetziger und zukünftiger
Generationen auf dem Spiel stehen. Solch ein verantwortungsvolles
Handeln ist jetzt wichtiger und dringender als je zuvor.

Wir fordern Sie auf: Zeigen Sie Entschlossenheit und
Durchsetzungswillen, werden Sie aktiv gegen das Artensterben und für
die Bewahrung der Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger
Generationen! Sorgen Sie dafür, dass die notwendigen Entscheidungen
getroffen werden, statt sich Mutlosigkeit und Versagen bei einem der
zentralen Zukunftsthemen nachsagen lassen müssen.

Frau Bundeskanzlerin, sorgen Sie insbesondere dafür, dass bis Ende
2030:

– Der Schutz von Klima und Biologischer Vielfalt als gemeinsame
und gleichrangige Aufgabe verwirklicht wird;
– Die Internalisierung externer Kosten instrumentalisiert und eine
umfassende ökologische Steuerreform eingeführt ist;  
– Die naturschädliche EU-Subventionspolitik beendet wird und
deutliche schärfere Umweltauflagen für die Landwirtschaft
umgesetzt werden;  
– Global der wirksame Schutz von mindestens 30% der wichtigsten
Land- und Meeresökosysteme sichergestellt ist;
– National, auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche große
Wildnisgebiete aus-gewiesen und fünf Prozent der Wälder einer
natürlichen Entwicklung überlassen sind;
– Die Mittel Deutschlands und anderer Industrieländer zur
wirksamen Umsetzung der neuen CBD 2030 Strategie deutlich erhöht
werden;
– Ein breites und tiefes Verständnis und Bewusstsein für
Biologische Vielfalt und deren Wert für den Menschen in der
Öffentlichkeit sichergestellt wird;
– Die trans-und interdisziplinäre Forschung zu den
wissenschaftlichen Grundlagen für das Verständnis und den Erhalt
von Biologischer Vielfalt deutlich gestärkt wird.

Hochachtungsvoll  

Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft
Frankfurt  

Prof. Dr. Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde
Berlin  

Prof. Dr. Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg
Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main  

Dr. Georg Schwede, Representative Europe, Campaign for Nature

Pressekontakt:
Dr. Georg Schwede
Representative Europe, Campaign for Nature
georg@campaignfornature.com
Mobil: 0170 5571244

Klaus-Henning Groth
Communications, Campaign for Nature
klaus-henning@campaignfornature.com
Mobil: 0172 4493366

Original-Content von: Wyss Campaign for Nature, übermittelt durch news aktuell

Posted by on 28. Juni 2019.

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Categories: Bilder, Vermischtes

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