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Aachener Zeitung: Kommentar zur Brandkatastrophe von Paris: Zerstörtes Erbe Von Christian Rein

In nur wenigen Tagen, in der Nacht von Samstag auf
Sonntag, wollten Tausende Pariser wie in jedem Jahr das höchste Fest
im Kirchenjahr in Notre-Dame begehen. In der Osternacht, in der die
Christen die Auferstehung Jesu feiern, ist es ähnlich wie an
Weihnachten immer ihre Kathedrale gewesen – die Kirche der Pariser.
Nicht die der Touristen, die an so vielen anderen Tagen des Jahres
Notre-Dame in Beschlag nahmen.

In dieser besonderen Nacht, in diesen historischen Mauern, die
Victor Hugo in seinem berühmten Roman \“Der Glöckner von Notre-Dame\“
beschrieben hat, inmitten dieser beeindruckenden Architektur,
inmitten all der Kunst, die vom Glauben, von Geschichten und
Geschichte erzählte, hatten die stolzen Pariser ihre Stadt stets noch
ein wenig mehr in ihren Herzen als ohnehin schon.

Die Zerstörung der Kathedrale durch das furchtbare Feuer hat
vielen Parisern das Herz gebrochen. Jeder, der einmal in diesem
einzigartigen Gebäude war, wird mit ihnen fühlen und trauern. Paris
hat sein Herz verloren, Frankreich eines seiner bedeutendsten
Wahrzeichen und die Welt einen kulturellen Schatz von unermesslichem
Wert.

Ein schwacher Trost

Die Einsatzkräfte konnten die Gebäudestruktur \“vor der
vollkommenen Zerstörung\“ retten. Der Nordturm, einer der beiden
markanten Glockentürme, und die Fassade drohten zwischenzeitlich
einzustürzen. Es ist ein schwacher Trost, dass er noch steht. Die
Hitze im Gebäude war so groß, dass die Löscharbeiten nur von außen
möglich waren. Der mittelalterliche Dachstuhl: völlig ausgebrannt.
Der 96 Meter hohe Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert: eingestürzt.
Ein Großteil der Fenster - die berühmte Rose! - ist dem
Feuer zum Opfer gefallen. Der größte Teil der Schätze ist, soweit sie
sich forttragen ließen, zwar gerettet worden, darunter die für
Katholiken sehr wertvolle Dornenkrone Christi. Aber es wird noch
Wochen dauern, den gesamten Schaden zu überblicken.

Es macht fassungslos, dass in einer Zeit, in der es für nahezu
jede Herausforderung eine technische Lösung zu geben scheint, etwas
so Banales wie ein Feuer in so kurzer Zeit eine derart verheerende
Zerstörung anrichten kann. Das ist nicht anders als zu Zeiten der
Römer oder im Mittelalter. Was hat uns all der Fortschritt gebracht?
Es ist traurig (erneut) zu sehen, wie schwer es den Menschen fällt,
ihr kulturelles Erbe zu schützen. Die Zerstörung zeigt aber auch, wie
verletzbar wir sind: Mit unserem Erbe verlieren wir auch ein Stück
unserer Identität und somit letztlich ein Stück unserer selbst.

Noch ist es zu früh für die Schuldfrage. Auch die Untersuchungen
zur Brandursache werden ihre Zeit in Anspruch nehmen. Ein
Zusammenhang mit den Sanierungsarbeiten am Gebäude liegt nahe, die
Staatsanwaltschaft ermittelt. War es ein Unfall? Ein technischer
Defekt? Menschliches Versagen? Vorsatz? Zufall? Dummheit? Es ist
wichtig, dem auf den Grund zu gehen und Lehren daraus zu ziehen, um
künftig ähnliche Tragödien zu verhindern.

Versprechen und Verpflichtung

\“Wir werden Notre-Dame wieder aufbauen\“, hat Frankreichs Präsident
Emmanuel Macron versprochen, noch während die Löscharbeiten in Gang
waren. Glücklicherweise ist die Kathedrale kunsthistorisch sehr gut
dokumentiert. Das könnte bei einem Wiederaufbau helfen.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Für die dringend notwendige,
aktuelle Sanierung reichte das vom französischen Staat
bereitgestellte Unterhaltsbudget schon nicht aus. Man kann nur
spekulieren, welche unvorstellbare Summe der Wiederaufbau kosten
wird. Nun regnet es Spenden. Die französischen Milliardäre und
Großunternehmen geben Hunderte Millionen Euro. Sogar in Deutschland
wird – gemeinsam mit der Unesco – für Notre-Dame gesammelt.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch Macrons Versprechen ist auch
eine Verpflichtung. Nicht nur bei der Kathedrale der Nation war der
Staat nicht dazu in der Lage, die notwendigen Gelder aufzubringen. In
vielen deutlich unbekannteren französischen Kirchen ist der Bedarf
enorm. Auch sie sind kulturelles Erbe.

Jahrzehnte wird der Wiederaufbau nach ersten Schätzungen dauern,
Generationen werden sich damit befassen müssen. Wenn er abgeschlossen
ist, wird die Kathedrale ein neues, altes Gesicht haben. Sie wird die
Narben der Katastrophe mit Würde tragen.

Das alte Notre-Dame aber ist unwiederbringlich verloren.

Pressekontakt:
Aachener Zeitung
Redaktion Aachener Zeitung
Telefon: 0241 5101-399
az-blattmacher@zeitungsverlag-aachen.de

Original-Content von: Aachener Zeitung, übermittelt durch news aktuell

Posted by on 16. April 2019.

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Categories: Politik & Gesellschaft

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