400.000 Wohnungen fehlen nicht – sie stehen leer: Warum der Bestand die Lösung ist

Während deutschlandweit über fehlenden Wohnraum diskutiert wird, stehen gleichzeitig tausende Quadratmeter ehemaliger Büro-, Gewerbe- und Industrieflächen leer oder werden nur noch teilweise genutzt. Genau hier setzt das neue Förderprogramm an. Gefördert werden Umbauten von beheizten Nichtwohngebäuden zu Wohnungen. Der Bund übernimmt dabei bis zu 30 Prozent der förderfähigen Kosten, maximal 30.000 Euro pro Wohneinheit.
Für Christian Baierl, Vorstand der renaissance Immobilien und Beteiligungen AG, kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Sein Unternehmen beschäftigt sich seit Jahren mit der Revitalisierung historischer Fabriken, Industriegebäude und denkmalgeschützter Bestandsimmobilien.
\“Deutschland hat kein Flächenproblem. Deutschland hat ein Ideenproblem. Wir reißen noch immer viel zu viele Gebäude ab, obwohl in unseren Städten bereits Millionen Quadratmeter nutzbarer Gebäudesubstanz vorhanden sind. Die eigentliche Wohnungsreserve steht längst da – wir müssen sie nur neu denken\“, sagt Christian Baierl.
Insbesondere ehemalige Fabrikanlagen bieten nach Ansicht vieler Projektentwickler enorme Chancen. Sie verfügen häufig über großzügige Raumhöhen, massive Bausubstanz, zentrale Lagen und eine besondere architektonische Identität. Eigenschaften, die im klassischen Wohnungsneubau oftmals gar nicht mehr wirtschaftlich darstellbar sind.
Zugleich sprechenökologische Gründe zunehmend für den Umbau bestehender Gebäude. Jeder erhaltene Bestandsbau spart erhebliche Mengen sogenannter\“grauer Energie\“, die bereits in Konstruktion, Materialien und Infrastruktur gebunden sind. Während Abriss und Neubau hohe CO?-Emissionen verursachen, kann die Umnutzung bestehender Gebäude einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten. Das neue Förderprogramm verfolgt deshalb ausdrücklich das Ziel, Wohnraumschaffung mit Klimaschutz zu verbinden.
Die renaissance Immobilien und Beteiligungen AG entwickelt seit Jahren ehemalige Industrie- und Fabrikstandorte in Nordrhein-Westfalen zu Wohnquartieren weiter. Aktuelle Projekte umfassen unter anderem historische Fabrikareale in Wuppertal, Wermelskirchen und Radevormwald. Besonders die Entwicklung der denkmalgeschützten ehemaligen Textilfabrik Hardt&Pokorny in Radevormwald gilt als Beispiel für eine neue Generation von Quartiersentwicklungen. Dort entstehen nicht nur Wohnungen, sondern auch gemeinschaftliche Nutzungen wie Co-Working-Bereiche, Gastronomie, Freizeitangebote und großzügige Aufenthaltsflächen.
\“Die spannendsten Wohnquartiere der Zukunft werden nicht auf der grünen Wiese entstehen. Sie entstehen dort, wo Geschichte, Architektur und Nachhaltigkeit zusammenkommen. Eine alte Fabrik ist oft viel mehr als ein Gebäude. Sie ist ein Stück Stadtidentität\“, so Baierl.
Nach Angaben des Bundes stehen allein für das Förderprogramm\“Gewerbe zu Wohnen\“zunächst mehrere hundert Millionen Euro zur Verfügung. Gefördert werden Umbauten von Gewerbeimmobilien zu Wohnraum, sofern bestimmte energetische Standards erreicht werden. Für viele Eigentümer könnte dadurch erstmals ein wirtschaftlicher Anreiz entstehen, leerstehende Gewerbeobjekteeiner neuen Nutzung zuzuführen.
Für die Immobilienbranche markiert das Programm einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang stand der Neubau im Mittelpunkt der Wohnungspolitik. Nun rückt erstmals der Umbau bestehender Gebäude in den Fokus staatlicher Förderung.
Christian Baierl sieht darin einen längst überfälligen Schritt:
\“Die Lösung der Wohnungsfrage liegt nicht nur im Neubau. Sie liegt vor allem im intelligenten Umgang mit dem, was bereits vorhanden ist. Alte Fabriken, Bürogebäude und Gewerbeimmobilien sind keine Probleme. Sie sind die größte Wohnungsreserve Deutschlands.\“
Die aktuelle Förderinitiative könnte damit weit mehr sein als ein weiteres KfW-Programm. Sie könnte der Beginn einer neuen Umbaukultur sein – einer Kultur, die Bestand als Ressource versteht und aus leerstehenden Gebäuden wieder lebendige Orte macht.
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