40 EU-Abgeordnete fordern Ende der Stopfleber-Produktion – Kommission traf Foie gras-Lobby

40 Abgeordnete des Europäischen Parlaments fordern in einem gemeinsamen Brief an die EU-Kommissare Olivér Várhelyi (Gesundheit und Tierschutz) und Christophe Hansen (Landwirtschaft und Ernährung) ein Verbot der Zwangsmast von Enten und Gänsen zur Herstellung von Foie gras. Expert*innen aus Wissenschaft und Tierschutz sind sich einig, dass die Zwangsmast tierschutzwidrig ist – dennoch wird ein konsequentes Verbot auf EU-Ebene seit Jahren nicht umgesetzt. Eine aktuelle Analyse der Tierschutzorganisation Animal Equality zeigt zudem, dass sich beide Kommissare im vergangenen Jahr mit dem Branchenverband Euro Foie Gras getroffen haben. Die im selben Zeitraum verabschiedete Überarbeitung der Vermarktungsstandards für Geflügelfleisch enthält keine Änderung der umstrittenen Mindestgewichte für Foie gras.
Am 27. März 2026 unterzeichneten 40 Mitglieder des Europäischen Parlaments aus 15 EU-Ländern einen Brief an die Kommissare Olivér Várhelyi (Gesundheit und Tierschutz) und Christophe Hansen (Landwirtschaft und Ernährung). Darin fordern sie, die Zwangsmast in der Stopfleber-Produktion schrittweise abzuschaffen und dies explizit in der kommenden Überarbeitung der Tierschutzgesetzgebung zu verankern. Die Tierschutzorganisation Animal Equality, die bereits seit Jahren für ein entsprechendes Verbot kämpft, begrüßt die Initiative der EU-Mitglieder. Unter den Unterzeichnendensind auch sieben Abgeordnete aus Deutschland, unter anderem Maria Noichl (S&D / SPD), Martin Häusling (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen) und Sebastian Everding (The Left / Tierschutzpartei) [vollständige Liste unten]. Außerdem haben Mitglieder aus vier der fünf EU-Länder, in denen die Zwangsmast von Enten und Gänsen noch praktiziert wird, den Brief unterschrieben: Frankreich, Bulgarien, Spanien und Belgien. Nur aus Ungarn – dem Heimatland von Kommissar Várhelyi – fehlt eine Unterschrift.
\“Dies zeigt deutlich: Selbst in Ländern, die wirtschaftlich stark von der Stopfleber-Produktion profitieren, wird diese tierquälerische Praxis nicht länger akzeptiert. Jetzt müssen die EU-Kommissare handeln\“, sagt Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland.
EU-Kommissare trafen Agrarindustrie deutlich häufiger als Tierschutzorganisationen
Die internationale Tierschutzorganisation Animal Equality hat hunderteöffentliche Treffen der EU-Kommissare Várhelyi und Hansen von Dezember 2024 bis März 2026 ausgewertet. Die im öffentlichen Register der Europäischen Kommission aufgeführten Daten zeigen: In den vergangenen 15 Monaten trafen sich die beiden Kommissare fast ausschließlich mit Vertreter*innen der Agrarindustrie. Von den 708 dokumentierten Treffen fanden mindestens 46 mit Vertreter*innen der Agrarindustrie zum Thema Tierschutz statt – mit Tierschutzorganisationen waren es 7. Ein Verhältnis von knapp 7:1.
Treffen zwischen EU-Kommissaren und Foie gras-Lobby:
13. Februar 2025: Kommissar Várhelyi trifft Euro Foie Gras zum Thema\“Tierschutz und Gesundheit\“.
18. Juni 2025: Das Büro von Kommissar Hansen trifft Euro Foie Gras zum Thema\“Tierschutz und Gesundheit\“.
Daraufhin verabschiedete die Europäische Kommission im Oktober 2025 eine überarbeitete Verordnung zu Vermarktungsstandards für Geflügelprodukte – trotz massiver öffentlicher Kritik. Die umstrittenen Mindestgewichte für Foie gras (mindestens 300g für Entenlebern, 400g für Gänselebern) blieben dabei unangetastet. Diese Gewichte können faktisch nur durch Zwangsmast erreicht werden und machen die grausame Praxis damit de facto zur Vorschrift. Bei einer vorangegangenen öffentlichen Konsultation hatten sich 90 Prozent der Stimmen aus allen Mitgliedstaaten für die Streichung dieser Anforderungen ausgesprochen.
\“Das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis systematischer Einflussnahme einer Industrie, die ungehinderten Zugang zu den Entscheidungsträger*innen hat. Die Industrie, die von der Nutzung der Tiere profitiert, darf nicht über den Schutz von Millionen Tieren entscheiden\“, unterstreicht Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland.
Zwangsmast widerspricht aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen
In ihrem Brief an die Kommissare weisen die EU-Abgeordneten darauf hin, dass die Vermarktungsstandards für Stopfleber aus den Jahren 1991 und 1995 stammen – also bevor Tiere in den EU-Verträgen als empfindungsfähige Lebewesen anerkannt wurden. Die Praxis der Zwangsfütterung wurde mittlerweile sowohl von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als auch vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Tiergesundheit und Tierschutz der EU verurteilt.
\“22 von 27 EU-Ländern haben die Stopfleber-Produktion verboten. Selbst Abgeordnete aus Produktionsländern wie Frankreich und Spanien fordern jetzt ein Ende der Zwangsmast. Nur die EU-Kommissare hören lieber auf die Foie gras-Lobby als auf Wissenschaft, Bürger*innen und das Europäische Parlament. Dasist inakzeptabel\“, kritisiert Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland.
Widerspruch: Stopfleber-Produktion in der EU trotz Verbot
Da die Zwangsmast von Enten und Gänsen für Stopfleber nachweislich eine der qualvollsten Praktiken der Tierindustrie ist, ist sie in vielen Ländern wie Indien, Israel, Argentinien und Teilen der USA bereits illegal. Und auch in der Europäischen Union ist sie grundsätzlich seit 1999 verboten. Trotzdem wird der Großteil (schätzungsweise rund 80 Prozent) der Stopfleber weltweit in der EU hergestellt. Denn es gibt eine Ausnahmeregelung: In den Ländern, in denen die Zwangsmast zum Zeitpunkt der Verbotseinführung bereits eine lange Tradition hatte, darf sie weiterhin praktiziert werden, solange das nationale Recht es erlaubt. Das trifft noch für fünf Länder in der EU zu: Frankreich, Ungarn, Bulgarien, Spanien und Belgien (dort ist es nur noch in der Region Wallonien erlaubt und ein Auslaufen der Praxis bis spätestens 2027 geplant). Die anderen 22 EU-Länder haben die Zwangsmast aus Tierschutzgründen bereits untersagt – so auch Deutschland. Dennoch bleibt der Import der umstrittenen Delikatesse weiterhin legal. Diese rechtliche Inkonsistenz führt dazu, dass Stopfleber trotz des deutschen Produktionsverbots weiterhin in Restaurants, Supermärkten und Onlineshops erhältlich ist.
Die Realität hinter Foie gras: Extreme Qualen für Millionen Tiere
Schätzungen zufolge werden in der EU jährlich rund 40 Millionen Enten und Gänse für die Stopfleber-Produktion genutzt und getötet. Durch verschiedene Recherchen innerhalb der Foie gras-Industrie hat Animal Equality dokumentiert, wie Enten und Gänse unter dieser qualvollen Prozedur leiden.
Bei der Zwangsmast werden den Tieren durch ein 20 bis 50 Zentimeter langes Metallrohrüber einen Zeitraum von 12 bis 21 Tagen zwei- bis dreimal täglich große Mengen Futter – bis zu einem Kilogramm Maisbrei – gewaltvoll eingeflößt.
Die Folge: Die Tiere leiden unter einer krankhaften Verfettung der Leber (Hepatische Lipidose). Zum Zeitpunkt der Tötung wiegen ihre Lebern in der Regel zwischen 550 und 700 Gramm – das ist sieben- bis zehnmal mehr als das natürliche Gewicht. Die Sterblichkeitsrate während der Zwangsmast ist bis zu 25-mal höher als bei nicht zwangsgemästeten Tieren.
Animal Equality fordert seit Jahren ein endgültiges Verbot der Zwangsmast in der EU sowie ein Importverbot für Stopfleber-Produkte in allen Mitgliedstaaten, um die rechtliche Inkonsistenz zwischen Produktionsverboten und weiterhin erlaubtem Import zu beenden. Mehr als 100.000 Menschen haben bereits eine entsprechende Petition (https://animalequality.de/kampagne/ende-der-zwangsmast/) an die deutsche Bundesregierung unterzeichnet.
Wir stehen Ihnen jederzeit für weitere Informationen und Gespräche zur Verfügung. Wenden Sie sich gerne an unseren Pressekontakt Till Hartmann via E-Mail an presse@animalequality.de oder melden Sie sich telefonisch unter +49 (0)30 2332945 81.
Fotos und weitere Informationen:
Pressekit (https://drive.google.com/drive/folders/1fTQbWa_0hzggA3rcfV4ZeKySZEVI-vDn?usp=drive_link)
Video-Statement Animal Equality (https://drive.google.com/file/d/18p3L4Ud-qwGghxjtqTXmLg-K9U9CHKM1/view?usp=drive_link)
Brief der Abgeordneten an die Kommissare (https://tillymetz.lu/wp-content/uploads/2026/03/Letter_To_Commission_FoieGras-1.pdf)
Animal Equalitys Kampagne\“Das Ende der Zwangsmast\“(https://animalequality.de/kampagne/ende-der-zwangsmast/)
Mehr zur Datenanalyse\“Tierindustrie dominiert Zugang zur EU-Tierschutzpolitik – zentrale Reformen werden verschleppt\“(https://animalequality.de/neuigkeiten/2026/03/19/industrieeinfluss-eu-tierschutz/)
Deutsche Mitglieder des Europäischen Parlaments, die den Brief an die Kommissare unterzeichnet haben:
Tiemo Wölken (S&D / SPD)
Erik Marquardt (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
Martin Häusling (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
Sebastian Everding (The Left / Tierschutzpartei)
Maria Noichl (S&D / SPD)
Manuela Ripa (EPP /ÖDP – Ökologisch-Demokratische Partei)
Jutta Paulus (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
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Über Animal Equality
Animal Equality wurde 2006 von Sharon Núñez, Javier Moreno und Jose Valle in Spanien gegründet und ist heute eine der weltweit effektivsten Tierschutzorganisationen. Gemeinsam mit Gesellschaft, Politik und Unternehmen arbeiten wir in acht Ländern auf vier Kontinenten für eine Welt, in der alle Tiere respektiert und vor Ausbeutung geschützt werden. Zudem unterstützt Animal Equality mit der Plattform Love Veg (https://loveveg.de/) zahlreiche Menschen bei ihrer Ernährungsumstellung und bietet unter anderem kostenfreie pflanzliche Kochbücher an. Animal Equality setzt sich durch Aufklärungsarbeit, Unternehmenskampagnen und die Veröffentlichung von Undercover-Recherchen dafür ein, die Grausamkeit gegenüber landwirtschaftlich genutzten Tieren zu beenden. Ebenso strebt Animal Equality Fortschritte für Tiere auf rechtlicher Ebene an.
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